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Neues Buch im hep verlag: «Berufen statt zertifiziert» 3/2021

Abschied vom Berufsprinzip

Die Berufswelt verändert sich rasant. Neue Technologien verlangen neue Fähigkeiten und schaffen neue Berufsbilder, während gleichzeitig eine wachsende Zahl von Menschen ihr ursprünglich gelerntes Tätigkeitsfeld verlässt. Die Idee vom Beruf fürs Leben wird immer fragwürdiger. Vor diesem Hintergrund hat die deutsche Autorin Anja C. Wagner das Buch «Berufen statt zertifiziert» verfasst, das im hep verlag erschienen ist. Wagners Hauptthese: Das Berufsprinzip hat ausgedient, wir brauchen neue Formen der Bildungsorganisation.

Anja C. Wagner
Dr. Anja C. Wagner beschäftigt sich mit globaler Transformation im digitalen Wandel. Sie gilt als kreative Trendsetterin und bezeichnet sich selbst als Bildungsquerulantin. Mit ihrem Unternehmen «FrolleinFlow – Institut für kreative Flaneure» bietet sie Studien, Vorträge, Consulting und verschiedene Onlineprojekte an.

Interview: Daniel Fleischmann

Anja Wagner, Ihr Buch beginnt schon im Titel steil: «Berufen statt zertifiziert». Warum setzen Sie die Begriffe in einen Gegensatz?
Ich gebe zu: Der Gegensatz zwischen den beiden Begriffen «berufen» und «zertifiziert» ist nicht ganz so scharf wie der Titel des Buches es suggeriert, denn man kann nicht alle Berufe über einen Kamm scheren. Dennoch stelle ich fest, dass sich gerade in jüngerer Zeit entstandene Tätigkeiten immer weniger in eindeutige Qualifikationsbündel fassen lassen, die man dann als Beruf bezeichnen könnte und für die es normierte Bildungswege mit zertifizierenden Abschlüssen gibt. Das ist das eine Motiv, warum ich ein Buch mit diesem Titel geschrieben habe. Das andere ist die Beobachtung, dass sich viele Menschen – häufig etwas ältere – bei einer beruflichen Umorientierung darauf konzentrieren, Zertifikate zu sammeln und abzuheften. Sie spüren nicht wirklich, welches Ziel sie haben. Ich möchte dazu beitragen, dass die Menschen lernen, besser auf sich selber zu hören und zu fragen, wohin sie sich bewegen wollen, anstatt sich am Angebot der Bildungseinrichtungen zu orientieren.

Tragen klar definierte Abschlüsse nicht auch dazu bei, dass die Menschen beruflich mobil sind, dass Personalabteilungen rasch sehen, was die Leute können, dass Lohnsysteme gerecht ausgestaltet werden können?
Das stimmt alles, aber es trifft immer weniger zu. Viele Unternehmen sind sehr unzufrieden, weil viele Abschlüsse nicht mehr wirklich viel darüber aussagen, was die Leute können. Die Hochschulen sind unzufrieden mit den Abgängerinnen der Abiturklassen, die Unternehmen sind unzufrieden mit den Studenten und so weiter. Viele Firmen bieten deshalb Onboardings oder gar eigene Akademien an, mit denen neue Mitarbeiter an ihre Tätigkeit herangeführt werden. Die Bildungspolitik in Deutschland – über die Schweiz kann ich mich nicht äussern – verschliesst die Augen vor solchen Entwicklungen. Sie ist Machtpolitik zur Erhaltung von alten Einflusssphären und Geldflüssen. Mir stösst das immer mehr auf, denn es dient immer weniger den Menschen.

Wenn wir davon ausgehen, dass junge Menschen am Ende ihrer Karriere zwischen fünf bis acht komplett unterschiedliche «Berufe» ausgeübt haben werden, dann funktioniert das Modell einer beruflichen Grundbildung nicht mehr richtig.

Warum genügen die Ausbildungen den tatsächlichen Jobanforderungen denn nicht mehr?
Diese Frage ist pauschal schwierig zu beantworten. Die meisten zertifizierenden Abschlüsse dauern lange, zwei-drei Jahre, und sie bestehen aus einem Bündel von Qualifikationen, die durchaus Sinn machen können, aber längst nicht immer Sinn machen. Vielen Menschen fehlen bloss Teilqualifikationen, um eine bestimmte Tätigkeit auszuführen, und viele Tätigkeiten erfordern nicht das ganze Set an Skills, das mit einem zertifizierenden Bildungsgang erworben wird. Warum bietet das Bildungssystem nicht – wie z.B. General Assembly – sogenannte Bootcamps  an, die vier Monate dauern – und die Menschen in die Lage versetzen, sich danach «on the job» weiterzubilden? In unserem traditionellen Bildungssystem ist das nicht vorgesehen. Aber es sollte vorgesehen sein. Denn wenn wir davon ausgehen, dass junge Menschen am Ende ihrer Karriere zwischen fünf bis acht komplett unterschiedliche «Berufe» ausgeübt haben werden, dann funktioniert das Modell einer beruflichen Grundbildung nicht mehr richtig. Jetzt will man in Deutschland den Menschen ermöglichen, mit 40 oder 50 nochmals einen neuen Beruf über eine berufliche Ausbildung zu erlernen – eine Art BAföG (Bundesausbildungsförderungsgesetz) für Ältere. Ich glaube nicht, dass diese Idee, so gut gemeint sie ist, der richtige Weg ist. Denn wir werden in Zukunft mit noch schnelleren Wellen disruptiver Innovationen konfrontiert sein. Die Menschen müssen lernen, sich selber ständig und kleinschrittig weiterzubilden, das betont auch die EU in ihren neuen Programmen zu den «Life Skills», die es braucht, um ein sinnvolles Leben auch abseits der Erwerbsarbeit führen zu können. Aber man muss die Menschen auch darauf vorbereiten, Selbstverantwortung übernehmen zu wollen und zu können. Das berufliche Ethos, wonach ich einen Beruf lerne, den ich mein Leben lang ausübe, das funktioniert nicht mehr.

So ganz neu ist das alles nicht.

Nein, aber es ist weder in den Köpfen der Menschen noch der Bildungsindustrie oder der Bildungspolitik in der Breite angekommen. Ich plädiere (neben anderen) seit Jahren – seit 2005 etwa, als das Web 2.0 Realität wurde – dass Bildung nicht über Angebote, sondern über die Nachfrage gesteuert werden sollte. Die Menschen müssen lernen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und sich entsprechend ihrer eigenen Zielrichtung weiter zu qualifizieren.

In der Schweiz hat sich dafür der Begriff der Laufbahnkompetenz etabliert. Er klingt gut. Aber muss da nicht auch ein Bildungsangebot da sein, aus dem man auswählt?

Wie ein Bildungssystem aussehen muss, das agil auf die Bedürfnisse der Nachfragenden zugeschnitten ist, müsste entwickelt werden. Meine Arbeitshypothese ist: Wenn sich die Menschen bewusster mit ihrer beruflichen Biografie und ihren Stärken auseinandersetzen und die Möglichkeit haben, sich selbstbestimmt weiterzubilden, entstehen die Angebote von alleine. Ein Hebel dafür wäre ein bedingungsloses Lernguthaben, das jede Person unabhängig von behördlichen Zuweisungen zur Verfügung hätte. Anders als in der Schweiz gibt in Deutschland niemand freiwillig Geld aus für Bildung, hier warten alle auf die Hilfe des Staates. Die Massnahme würde dazu beitragen, dass die Menschen lernen, Selbstverantwortung zu übernehmen. Es gibt Pädagogen, die sagen, viele Menschen können das nicht, und das stimmt ja auch. Aufgabe des Bildungssystems wäre es dann, ihnen zu zeigen, wie das geht.

Wenn man die Stellenausschreibungen bei Google liest, sieht es ähnlich aus: Da werden beispielsweise ein Bachelor Degree «oder vergleichbare Qualifikationen» erwartet. Das macht Sinn, weil es ja unterschiedliche Wege gibt, sich zu qualifizieren.

Sehen Sie Ansätze, die diesen neuen Bedürfnissen gerecht werden?

Es gibt eine Reihe von Learning Experience Plattformen, Degreed etwa, die mir sehr gut gefällt, oder Cornerstone. Sie bieten Umgebungen, über die man Manuals, Skripte, Tutorials, Kurse, Podcasts und viele Dinge mehr KI-gesteuert finden und nutzen kann. Über Suchbegriffe erschliessen die Plattformen passende Angebote, deren Selektion dann – wie bei Amazon etwa – zu weiteren Hinweisen führen, die «Sie auch interessieren» könnten und zu Ihrem selbst gesetzten Ziel führen. Richtig nutzen kann man die Angebote dann über zusätzliche Content-Abonnements, die Einzelpersonen oder ganze Firmen für ihre Belegschaft kaufen können. Hier können auch betriebsspezifische Materialien zugänglich gemacht werden. Die Plattformen erlauben zudem entlang der von den Nutzerinnen hinterlegten Skills die Evaluation und gar «Zertifizierung» fehlender Qualifikationen.

Ein Personaler sagte mir einmal: «Wenn ich eine Kandidatin für eine Stelle habe, schaue ich weniger auf ihre Abschlüsse. Mich interessieren die Projekte, in denen sie mitgearbeitet hat, und die Kompetenzen, die sie besitzt.»

Inzwischen denken viel innovative Unternehmen so. Elon Musk sagt, dass ein Studienabschluss ein Indikator für Kompetenz sein könne, aber nicht müsse. Wenn man die Stellenausschreibungen bei Google liest, sieht es ähnlich aus: Da werden beispielsweise ein Bachelor Degree «oder vergleichbare Qualifikationen» erwartet. Das macht Sinn, weil es ja unterschiedliche Wege gibt, sich zu qualifizieren. Der in Deutschland derzeit am zweithäufigsten nachgefragte Beruf ist Social Media Marketing Manager. Den kann man in einer mehrmonatigen Ausbildung erlernen und prüfen lassen. Oder man macht sich auf den Weg und erlernt die gefragte Kompetenz sukzessive im privaten Umfeld oder im Verein über den Lernraum Internet, in dem man ja diesbezüglich alle Inhalte findet. Man weiss im Grunde schon lange, welch hohe Bedeutung informell erworbene Kompetenzen haben. Aber die Bildungspolitik hat es versäumt, die Menschen zu ermutigen, sich auf diesem Weg weiterzubilden. Klar: Die Bildungsindustrie hat andere Interessen. Doch sie wird auf die Länge die Menschen nicht mehr kontinuierlich begleiten können.

Wenn ich Ihnen zuhöre, erinnere ich mich an Richard Sennets Kritik des flexiblen Menschen, der nicht mehr in der Lage sei, einen individuellen Charakter auszubilden. Dafür, so Sennet, bedürfe es langfristiger Verbindlichkeiten und Loyalitäten, einer erzählbaren Lebensgeschichte also. Einen Beruf zu haben ist so eine Geschichte.

Das ist, so denke ich, richtig und falsch zugleich. Ich glaube, die Menschen sind durchaus in der Lage, auch ohne berufliche Verbindungen etwa über eine Gewerkschaft oder langjährige Tätigkeit im gleichen Feld eine Identität auszubilden. Zum einen denke ich, dass man auch sich selber und den Projekten gegenüber, die sich in einem Lebenslauf bieten, loyal verhalten kann. Wer sind wir, die Zugehörigkeit zu temporären «Communities of practice» geringer einzustufen als einen Beruf, den man jahrzehntelang ausübt? Zum anderen erschliessen ausserberufliche Aktivitäten unzählige Möglichkeiten, einen individuellen Charakter auszubilden. Ist es anders als früher? Zweifelsohne. Ist es deshalb abzuwerten? Meines Erachtens nein.

Die Bedeutung der Erwerbsarbeit zumindest in den industrialisierten Ländern schwindet. In Deutschland sind schon heute nur rund 40 Prozent der Tätigkeiten beruflich bedingt,

Und Arbeit wird insgesamt weniger wichtig?

Ja. Wir wissen zwar immer weniger, wie die Welt von morgen aussehen wird; aber dass die Bedeutung der Erwerbsarbeit zumindest in den industrialisierten Ländern schwindet, scheint klar zu sein. In Deutschland sind schon heute nur rund 40 Prozent der Tätigkeiten beruflich bedingt, 60% umfassen nicht entlöhnte Dienste wie Haushalt, Pflege, Freiwilligenarbeit. Dieses Verhältnis wird sich durch Automatisierung und Digitalisierung weiter akzentuieren. Das führt zur Frage, wie wir künftig «Arbeitslosigkeit», Urlaubstage, Rentenansprüche, Steuern und vieles mehr finanzieren können. Und es stellt die Identität der Menschen auf einen Prüfstand, die sich immer weniger über ihren Beruf definieren können. Ich war kürzlich in Kopenhagen zu Besuch und habe festgestellt, dass die Menschen dort bereits einen ausgeprägten «Hygge-Style» entwickelt haben, ein deutlicheres Verständnis als wir es in Deutschland haben für die Balance zwischen Erwerbsarbeit und ausserberuflichen Aktivitäten wie Familie oder Freizeit. Was bedeutet das für die Bildungsstrukturen? Es bedeutet weniger formalisierte Zertifikatsroutinen, die die Menschen durchlaufen müssen, vielleicht gar keine mehr. Und dafür vielleicht mehr Makerspaces, offene Räume, innovative Organisationsformen der Arbeit und Bildung, in denen Menschen sich mit ihren Talenten kollaborativ erproben können. In Deutschland bluten derzeit ganze Mittelstädte aus, die Läden machen zu, weil die Menschen nur noch online kaufen. Vielleicht könnte man sie zu grossen Co-Learning-Spaces ausbauen, in die die Menschen ihre Talente einbringen?

Wagner, Anja C (2021): Berufen statt zertifiziert. Neues Lernen, neue Chancen. Bern, hep verlag. SGAB-Mitglieder profitieren von einer Preisreduktion von 15%, wenn Sie über die SGAB bestellen: jonas.probst@sgab-srfp.ch