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Evaluation Berufsabschluss für Erwachsene im Kanton Waadt 2/2021

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Berufe mit niedrigen Qualifikationsanforderungen werden nach und nach aus der Schweiz ausgelagert. Gleichzeitig erhöht die technologische Entwicklung den Bedarf an qualifizierten Arbeitsplätzen und entsprechend ausgebildetem Personal. Damit wird die Qualifikation inländischer Arbeitskräfte zu einem zentralen Anliegen: Auch Erwachsene sollen noch einen Berufsabschluss erwerben. Das ist aber nicht ganz einfach, wie eine Untersuchung der Universität Lausanne im Kanton Waadt zeigt. Der vorliegende Beitrag zeigt die einzelnen Schritte auf, die zum Qualifizierungsverfahren führen, benennt die Schwierigkeiten, mit denen die Betroffenen zu kämpfen haben, und macht Vorschläge zur Verbesserung des Angebots.

Kokou A. Atitsogbe

Kokou A. Atitsogbe ist Doktorand und SNF-Forscher am Forschungszentrum für Berufs- und Laufbahnberatungspsychologie (CePCO) am Institut für Psychologie der Universität Lausanne.

Robin Zufferey

Robin Zufferey ist Psychologe und Laufbahnberater im Amt für Berufsberatung und Erwachsenenbildung (BEA), Kanton Freiburg.

Jérôme Rossier

Jérôme Rossier ist ordentlicher Professor am Institut für Psychologie und Leiter des CePCO an der Universität Lausanne.

2015 verfügten 12% der erwerbstätigen Bevölkerung in der Schweiz im Alter zwischen 25 bis 64 Jahren über keinen Bildungsabschluss auf Sekundarstufe II (Schmid, Schmidlin & Hischier, 2016). Gleichzeitig stieg der Qualifikationsbedarf heimischer Arbeitskräfte deutlich. Diese beiden Faktoren zeigen, wie wichtig es ist, Erwachsene beim Berufsabschluss zu unterstützen (Rossier, 2020).

Um in der Schweiz einen Berufsabschluss im Erwachsenenalter zu erlangen, stehen vier Wege offen:

  1. die reguläre berufliche Grundbildung,
  2. die verkürzte berufliche Grundbildung (vgl. Art. 18 BBV),
  3. die direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren (vgl. Art. 32 BBV) und
  4. die Validierung von Bildungsleistungen (vgl. Art. 31 BBV).

Die ersten beiden Wege richten sich an Personen, die die obligatorische Schulzeit abgeschlossen haben (oder über eine gleichwertige Qualifikation verfügen) und einen Lehrvertrag vorweisen können. Wege 3 und 4 stehen Personen offen, die ohne Lehrvertrag erwerbstätig sind und über fünf Jahre Berufserfahrung (zum Teil im angestrebten Beruf) verfügen.

Wege zum Berufsabschluss für Erwachsene

In der Waadt sind alle beschäftigten Erwachsenen ohne Lehrvertrag zum Qualifikationsverfahren (Fähigkeitszeugnis EFZ oder Berufsattest EBA) zugelassen. Die Anrechnung der beruflichen Erfahrung (Validierung von Bildungsleistungen) ist derzeit aber nur in zehn Berufen möglich. In vier Schritten gelangen Erwachsene zum Berufsabschluss:

  1. Orientierung auf der Website für den Berufsabschluss für Erwachsene (CPA);
  2. Zulassung und Einschreibung;
  3. Ausbildung bzw. Begleitung;
  4. und schliesslich das Qualifikationsverfahren.

In der Orientierungsphase sammeln die Personen im Internet (auf der offiziellen Seite für den Berufsabschluss für Erwachsene oder anhand anderer Quellen) Informationen über das Vorgehen. Im Rahmen eines Informations- und Orientierungsgesprächs können sie eine individuelle Berufsberatung zur Erarbeitung eines sinnvollen Projekts in Anspruch nehmen. Für Personen, die sich berufliche Erfahrungen anerkennen lassen möchten (Validierung), sowie für jene, die die direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren anstreben, erfolgt dieses Gespräch seit 2017 entweder vor Ort oder telefonisch.

Personen, die sich für eine direkte Zulassung zur Prüfung entscheiden, können, je nach Möglichkeit, gemeinsam mit anderen Lernenden eine Ausbildung in einer Berufsfachschule absolvieren, abends oder samstags eine andere Schule besuchen oder sich autodidaktisch auf die Prüfung vorbereiten. Von Personen, die sich für die Validierung ihrer Bildungsleistungen entscheiden, wird erwartet, dass sie ein Dossier erstellen, in dem sie ihre fachlichen Kompetenzen dokumentieren. Das erfordert einen persönlichen Arbeitsaufwand von etwa 250 Stunden, der grösstenteils zu Hause erledigt wird. Das Dossier wird von Fachleuten geprüft. Erworbene Kompetenzen werden anerkannt, während fehlende Kompetenzen im Rahmen einer ergänzenden Ausbildung nachgeholt und zu einem späteren Zeitpunkt validiert werden.

Nur wenige wählen Validierung

Aus den Befragungen der Personen, die am Programm zum Berufsabschluss für Erwachsene teilnehmen, geht hervor, wie effizient sie das Angebot einstufen und welche Erfahrungen sie gemacht haben (Zufferey & Pittet, 2020). An einer ersten Umfrage nahmen 281 Personen im Alter von 18 bis 60 Jahren teil, die ihre Ausbildung zwischen 2011 und 2020 begonnen hatten (66% Frauen und 34% Männer). Diese Gruppe der Befragten stammt mehrheitlich aus der Schweiz (52%), gefolgt von Portugal (17%), Frankreich (8%), Italien (6%), anderen europäischen Ländern (5%) sowie Ländern ausserhalb Europas (11%). Sie wies im angestrebten Beruf eine berufliche Erfahrung zwischen 0 und 40 Jahren auf (zwischen 0 und 34 Jahren in der Schweiz). Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, die offizielle Website über den Berufsabschluss für Erwachsene konsultiert zu haben. Mehr als ein Drittel bezog Informationen von anderen Stellen, insbesondere an ihrem Arbeitsplatz, von der Invalidenversicherung (IV), von Personen aus dem eigenen Bekannten- und Freundeskreis oder im Verlauf einer Laufbahnberatung und in Ausbildungszentren.

Im Folgenden sind die wichtigsten Wege zum Berufsabschluss für Erwachsene angeführt, nach der Häufigkeit gereiht, in der sie gewählt wurden:

  • direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren (47%),
  • reguläre berufliche Grundbildung (17%),
  • verkürzte berufliche Grundbildung (16%).

Zu den anderen bekannten Verfahren zählen die sogenannte «kondensierte» Berufsbildung (formation professionnelle condensée, eine Spezialität der Waadt, 8%), die Validierung von Bildungsleistungen (5%) und die modulare Ausbildung (1%). Die meisten Personen, die den Weg der direkten Zulassung zum Qualifikationsverfahren gewählt haben, bereiteten sich in einer Erwachsenenklasse einer Berufsfachschule (59%) oder einer regulären Berufsfachschulklasse mit Lernenden (20%), andere wiederum im Selbststudium (12%) oder an einer privaten Schule (9%) vor. Die Tatsache, dass sehr unterschiedliche Wege und Zugänge angeboten werden, ist von grosser Bedeutung, da den Aspirantinnen und Aspiranten dadurch Möglichkeiten entsprechend Möglichkeiten geboten werden.

Motivations-, Erfolgs- und Misserfolgsfaktoren

Wir nennen im Folgenden die wichtigsten Gründe, die die Betroffenen bewogen, sich im Erwachsenenalter auf den Berufsabschluss einzulassen.

  • Berufliche Faktoren, wie der Bedarf, sich neue Kompetenzen anzueignen (58%) oder die eigene berufliche Erfahrung anerkennen zu lassen (42%), berufliche Neuorientierung (32%), Lohnerhöhung (28%), Beförderung (25%), Bedürfnis, die frühere Ausbildung, die als nicht mehr zeitgemäss erachtet wird, aufzufrischen (21%), Firmenwechsel (6%), Notwendigkeit, eine Arbeit zu finden (22%).
  • Persönliche Faktoren, also etwa sich persönlich weiterzuentwickeln (50%), Selbstvertrauen aufzubauen (27%) oder sich zu beweisen, dass man in der Lage ist, einen Abschluss zu machen (24%).
  • Faktoren in Zusammenhang mit der Ausbildung, etwa um die Voraussetzungen für eine höhere Ausbildung zu erfüllen, wie den Eidgenössischen Fachausweis, Höhere Fachschulen (HF) oder Fachhochschulen (FH) (30%)
  • Sicherheitsfaktoren, zum Beispiel Schutz vor Kündigung (26%).
  • Nur eine Minderheit macht diesen Berufsabschluss, um einen Schweizer Titel, der ihrer beruflichen Erfahrung in ihrem Land entspricht, zu erwerben (13%), um Anerkennung von ihrer nächsten Umgebung zu erhalten (Familien-, Freundeskreis oder sonstige) (13%) oder um ihr eigenes Unternehmen zu gründen (7%).
    Somit scheint der Berufsabschluss für Erwachsene ein probates Mittel zur Förderung der beruflichen Entwicklung zu sein.

Was macht den Erfolg der verschiedenen Wege aus? Personen, die eine direkte Zulassung zum Qualifikationsverfahren wählten, nennen auf diese Frage die Qualität des Unterrichts (in den Erwachsenenklassen oder mit den regulären Lehrlingen) und der Kursunterlagen sowie die Fähigkeiten der Lehrenden und Ansprechpersonen, die als Mentorinnen oder Mentoren fungierten. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass weniger als ein Drittel eine solche Ansprechperson hatte, was sich als nachteilig erweisen könnte. Darüber hinaus lassen sich allgemeine Faktoren festmachen, die eine wesentliche Rolle spielen, wie die Motivation, die Beherrschung der Grundkompetenzen und der Berufskompetenzen, die Unterstützung von Seiten des beruflichen und familiären Umfelds sowie die Ressourcen oder die finanzielle Absicherung. Die Kandidatinnen und Kandidaten nannten speziell zwei Faktoren für den Erfolg: die praktische, qualitativ hochwertige Ausbildung am Arbeitsplatz und den Zugang zu Kursen eigens für Erwachsene. Personen, die sich für die Validierung von Bildungsleistungen entschieden hatten, betonten die Qualität der Workshops und die persönliche Betreuung durch die Laufbahnberatung.

Unter den Personen, die das QV nicht bestanden oder das Verfahren abgebrochen haben, stellen die meisten den Sinn der Prüfungen in Frage oder nennen persönliche Gründe, wie etwa die Schwierigkeit, Berufsleben, Familie und Lernen zu vereinen. Die am häufigsten genannten Faktoren sind die mangelnde Transparenz der Prüfungskriterien sowohl für den praktischen als auch für den theoretischen Teil sowie die hohen Anforderungen bei der Beurteilung durch die Fachleute. Das zeigt, wie wichtig es ist, von Anfang an das tatsächliche Kompetenzniveau der Kandidaten und Kandidatinnen zu evaluieren, um ein Scheitern zu verhindern und entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Zu guter Letzt führen insbesondere die Personen, die eine Anrechnung von Bildungsleistungen anstrebten, in erster Linie die mangelnde Transparenz der Evaluierungskriterien für das Dossier sowie die hohen Anforderungen der Fachjury als Gründe für ihr Scheitern an.

Verbesserungsvorschläge

Ungeachtet dessen, welchen Weg sie zur Erlangung des Berufsabschlusses gewählt haben, sind die Teilnehmenden mehrheitlich mit dem Angebot zufrieden. Dennoch könnten die Wege zum Berufsabschluss in manchen Punkten verbessert werden. Folgende Vorschläge sollen den Gedankenaustausch zwischen den Akteuren anregen:

  • Die Tatsache, dass manche Erwachsene, die den Berufsabschluss machen möchten, Schwierigkeiten haben, neue Kompetenzen an ihrem Arbeitsplatz zu erwerben (z. B. aufgrund des Fehlens von Mentorinnen und Mentoren), stellt einen wesentlichen Faktor für das Scheitern dar. Um eine praktische Ausbildung zu garantieren, wäre eine Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure nützlich, vor allem unter Einbezug der Berufsverbände.
  • Parallel könnten Praxis-Workshops in den Berufsfachschulen angeboten werden, um nicht gänzlich von den Kapazitäten der Unternehmen, Auszubildende aufzunehmen, abhängig zu sein. Auch eine engere Zusammenarbeit mit bestimmten Partnerorganisationen könnte nützlich sein. So könnten die von den RAV verfügten arbeitsmarktlichen Massnahmen dazu dienen, arbeitslosen Personen, die den Berufsabschluss anstreben, die nötige praktische Ausbildung zu ermöglichen.
  • Gut wäre auch, die theoretische Ausbildung an die Gegebenheiten von Erwachsenen anzupassen, die häufig aus einem anderen Land kommen. In diesem Sinne wäre eine Ausbildung in Form von Modulen am Abend oder Wochenende sowohl für die Unternehmen als auch für die Erwachsenen ideal, da sie ein Maximum an Flexibilität bieten. Intensivkurse zur Vermittlung der Basiskompetenzen würden es den Erwachsenen, insbesondere jenen, die ihre Schullaufbahn nicht in der Schweiz absolviert haben, ermöglichen, das nötige Niveau zum Bestehen der Abschlussprüfung zu erlangen. Mithilfe methodischer Kurse könnten Schweizer Erwachsene beim Einstieg unterstützt werden und Erwachsene aus anderen Ländern mit den beruflichen Anforderungen in der Schweiz vertraut gemacht werden.
  • Um die gegenseitige Unterstützung und Solidarität zu fördern, wäre die Einrichtung möglichst vieler Erwachsenenklassen mit einer Höchstzahl von rund 15 Personen wünschenswert, damit auf jede Person bestmöglich eingegangen werden kann.
  • Durch eine regelmässige verpflichtende formative Beurteilung im Zuge ihrer Ausbildung, sowohl in Theorie als auch in Praxis, könnten die Erwachsenen besser einschätzen, wo sie stehen, und würden mehr Sicherheit in Hinblick auf die Abschlussprüfungen erlangen.
  • Manche Personen regten auch an, das Qualifikationsverfahren mehr auf das erwachsene Publikum zuzuschneiden. Daher erarbeitet die für Erwachsene zuständige Stelle des Kantons Waadt Berufsausbildungslehrgänge eigens für Erwachsene, die deren Bedürfnisse und Einschränkungen berücksichtigen. Darüber hinaus ist man bestrebt, Erfahrungen und Bildungsleistungen anzurechnen, um den Weg zum Berufsabschluss zu erleichtern. Somit ist mit einem Anstieg der Berufsabschlüsse von Erwachsenen zu rechnen, zumal mit der steigenden Zahl an beratendem Personal in diesem Bereich für jede einzelne erwachsene Person die Möglichkeit besteht, optimal bei der Planung und im Verlauf des Ausbildungsweges begleitet zu werden.

Literatur

  • Rossier, J. (2020). Orientation tout au long de la vie : accompagner des parcours professionnels déstandardisés. Panorama, 6, 22-23.
  • Schmid, M., Schmidlin, S., & Hischier, D. S. (2016). Certification professionnelle pour adultes : enquête auprès des personnes concernées : rapport intermédiaire. Haute école pédagogique et Across Concept Analysis & Consulting.
  • Zufferey, R., & Pittet, M. (2020). Chemins vers le succès : Expérience des candidat-e-s en certification professionnelle pour adultes dans le canton de Vaud, facteurs de réussite et suggestion de développement. Université de Lausanne, Lausanne, Suisse.
Zitiervorschlag

Kokou A. Atitsogbe, Robin Zufferey & Jérôme Rossier, 2021: Bitte mehr Mentorate: Evaluation Berufsabschluss für Erwachsene im Kanton Waadt. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (2/2021), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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