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Fünf Säulen einer guten Unterrichtsvorbereitung 3/2021

Das AVIVA-Modell im Blended Learning

Wie bereiten Lehrpersonen den Unterricht am besten vor? Vor über zehn Jahren erschien ein Buch, das diese Frage mit einem Strukturmodell beantwortete: AVIVA. Seither hat das Modell in der Schweiz und anderen deutschsprachigen Ländern grosse Beachtung in der Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen gefunden; es wurde zu einem Referenzpunkt in zahlreichen Grundlagenwerken und wissenschaftlichen Beiträgen zur Schulpädagogik. Die Autoren des vorliegenden Beitrags fassen nun erstmals ihre Überlegungen zum Einsatz von AVIVA in Blended Learning Arrangements zusammen.

Christoph Städeli

Prof. Dr. Christoph Städeli ist Leiter der Abteilung Sekundarstufe II/Berufsbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Markus Maurer

Prof. Dr. Markus Maurer ist Professor für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich und als Dozent in der Ausbildung von Berufsschullehrpersonen tätig.

Claudio Caduff

Prof. Dr. Claudio Caduff war Dozent für Fachdidaktik in der Ausbildung von Berufsfachschullehrkräften allgemeinbildender Richtung und von BM-Lehrpersonen sowie Inhaber der Professorenstelle Fachdidaktik der beruflichen Bildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Manfred Pfiffner

Prof. Dr. habil. Manfred Pfiffner ist Professor für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich und als Dozent in der Ausbildung von Berufsschullehrpersonen tätig.

Das Modell AVIVA ist ein Fünfphasen-Modell für einen wirkungsvollen Unterricht. Es basiert auf Ergebnissen der Lernpsychologie und best practices guten Unterrichts. In Abbildung 1 sind die fünf elementaren Phasen des Unterrichts skizziert, die dem Ablauf des Lernprozesses nachempfunden sind. Die Abkürzung AVIVA nimmt Bezug auf diese Schritte.

Lernen setzt zunächst die Bereitschaft voraus, sich auf Neues einzulassen («Ankommen und einstimmen»). Das eigentliche Lernen («Informieren») setzt beim Vorhandenen («Vorwissen aktivieren») an und baut darauf auf. Damit dieses Neue sich festigen kann, braucht es Gelegenheit zur Anwendung, Vertiefung und Übung («Verarbeiten»). Und schliesslich wird man beim Lernen immer wieder Rechenschaft über den zurückgelegten Weg ablegen, bevor die nächste Wegstrecke in Angriff genommen wird («Auswerten»).

A Ankommen und einstimmen
V Vorwissen aktivieren
I Informieren
V Verarbeiten
A Auswerten

Es ist wichtig, dass sich Unterricht an diesen Phasen orientiert. Nur so besteht Gewissheit, dass der Lernprozess inhaltlich und methodisch sauber und vollständig durchlaufen wird.

Instruktion versus Konstruktion

Die Gestaltung des Unterrichts hat wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise, wie in der Schule gelernt wird. Wenn immer alle Fäden in der Hand der Lehrperson zusammenlaufen, werden die Lernenden nie dazu ermutigt, ihr Lernen selbst zu steuern.

Die Gestaltung des Unterrichts hat wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise, wie in der Schule gelernt wird. Wenn immer alle Fäden in der Hand der Lehrperson zusammenlaufen, werden die Lernenden nie dazu ermutigt, ihr Lernen selbst zu steuern. Wenn die Lehrperson den Lernenden von Anfang an inhaltlich und methodisch das Feld überlässt, ist die Chance, dass diese sich selbstständig Wissen und Können an-eignen, genauso gering, da ihnen vielfach nicht klar sein kann, wie sie in einer bestimmten Situation vorgehen sollen.

PHASEN DIREKTES VORGEHEN INDIREKTES VORGEHEN
A Ankommen und einstimmen Lernziele und Programm werden bekannt gegeben. Die Situation, das Problem wird vorgestellt; die Lernenden bestimmen Ziele und Vorgehen weitgehend selbst.
V Vorwissen aktivieren Die Lernenden aktivieren ihr Vorwissen unter Anleitung und strukturiert durch die Methoden der Lehrperson. Die Lernenden aktivieren ihr Vorwissen selbstständig.
I

 

Informieren Ressourcen werden gemeinsam entwickelt oder erweitert; die Lehrperson gibt dabei den Weg vor. Die Lernenden bestimmen selbst, welche Ressourcen sie sich noch aneignen müssen, und bestimmen, wie sie konkret vorgehen wollen.
V Verarbeiten Aktiver Umgang der Lernenden mit den vor gegebenen Ressourcen: verarbeiten, vertiefen, üben, anwenden, konsolidieren … Aktiver Umgang der Lernenden mit den neuen Ressourcen: verarbeiten, vertiefen, üben, anwenden, diskutieren …
A Auswerten Ziele, Vorgehen und Lernerfolg überprüfen. Ziele, Vorgehen und Lernerfolg überprüfen.

Es sind also wohl dosierte Anteile von Instruktion, eine gute Balance zwischen Steuerung durch die Lehrperson (direktes Vorgehen) und Elemente des selbstregulierten Lernens (indirektes Vorgehen) nötig sowie eine klare Vorstellung, welche Phasen der Unterricht durchlaufen muss.

Vorteile des AVIVA-Modells

Das AVIVA-Modell bringt die wesentlichen Elemente eines gut strukturierten, kompetenzorientierten Unterrichts in einen praxisgerechten und klaren Ablauf. Daraus lassen sich vier Vorteile ableiten:

Das AVIVA-Modell verschafft Klarheit. Wie bedeutsam das Merkmal «Klarheit der Lehrperson» für die Unterrichtsqualität ist, zeigen die Befunde aus der Studie «Visible Learning» von John Hattie. Es erreicht mit einer Effektstärke von 0.75 einen sehr hohen Wert und führt zu einer deutlichen Steigerung der Lernleistungen. Klarheit bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Lehrpersonen alle Planungsschritte im Hinblick auf die Ziele, Inhalte, Methoden und Medien benennen, begründen und beispielhaft darlegen können kann (Hattie & Zierer, 2016, 47–48).

Das AVIVA-Modell ist ein Koordinationsinstrument. Ein Unterricht, der nach dem AVIVA-Modell geplant und durchgeführt wird, ist auch von aussen beobachtbar und beschreibbar. Kolleginnen und Kollegen, die den Unterricht besuchen, können ihre Beobachtungen nach drei Aspekten gliedern: Phasen nach AVIVA, Aktivität der Lehrperson, Aktivitäten der Schülerinnen und Schüler. Die aufgeführten Kriterien ermöglichen es allen Beteiligten, den Unterricht zu analysieren, um daraus Optimierungsmöglichkeiten abzuleiten.

Das AVIVA-Modell ist Analysemittel und Orientierungsraster zugleich. Mit AVIVA hat die Lehrperson ein Analysemittel zur Hand, das ihr zeigt, welche Ressourcen in welcher Phase mit welchen Methoden sinnvoll aufgebaut werden. Es werden also nicht beliebig Ressourcen aufgebaut und Kompetenzen gefördert; beides steht vielmehr in einem direkten Zusammenhang mit den Inhalten (vorgegeben durch die verschiedenen Phasen) und der Art und Weise, wie die Lehrperson die Inhalte vermittelt.

Mit dem AVIVA-Modell lässt sich selbstverantwortetes Lernen fördern. Wenn die Lehrperson den Lernenden das AVIVA-Modell erklärt, wird es ihr besser gelingen, Ressourcen systematisch und gezielt aufzubauen und ihr Lernen zunehmend selbst zu steuern, also kompetente, selbstverantwortliche Lerner zu werden.

AVIVA in Blended Learning Arrangements

Die Phasen des AVIVA-Modells sind auch für die Ausgestaltung von Blended Learning Arrangements relevant. Dabei gilt es zu beachten, dass die Phasen nicht immer notwendigerweise in der gleichen Reihenfolge erfolgen und dass diese nicht in jeder Lerneinheit (z.B. Lektion) immer gleich gewichtet werden müssen.

Ankommen

Gerade weil ein Ziel von Blended Learning Arrangements darin besteht, dass jederzeit und überall gelernt werden kann, besteht die Gefahr, dass Lernen ausserhalb des Präsenzunterrichts wenig fokussiert erfolgt, zum Teil in Lernphasen, die so kurz sind, dass sie ein wirksames Lernen erschweren.

Im klassischen Präsenzunterricht besteht das Ziel dieser Phase darin, die Lernenden auf den Lernprozess einzustellen und sie für diesen zu motivieren, etwa indem die Relevanz der Lernziele aufgezeigt wird. Das Ankommen ist unseres Erachtens auch für das onlinebasierte Lernen entscheidend. Denn gerade weil ein Ziel von Blended Learning Arrangements darin besteht, dass jederzeit und überall gelernt werden kann, besteht die Gefahr, dass Lernen ausserhalb des Präsenzunterrichts wenig fokussiert erfolgt, zum Teil in Lernphasen, die so kurz sind, dass sie ein wirksames Lernen erschweren. Je nach Bildungsstufe und Voraussetzungen der Lernenden sollten diese dabei unterstützt werden, in der Distanzlernphasen jeweils wieder gut anzukommen und sich wirklich auf das Lernen zu konzentrieren.

Vorwissen aktivieren

Diese Phase soll die Voraussetzungen schaffen für die Aufnahme neuer Informationen, die existierende Wissensbestände ergänzen, erweitern und transformieren.

Für die Überprüfung des Vorwissens im Sinne des kumulativen Lernens kann die Nutzung digitaler Medien ausserordentlich hilfreich sein, etwa im Rahmen online-basierter Multiple-Choice-Tests. Da sich online durchgeführte Überprüfungen des Vorwissens schnell auswerten lassen, wissen nicht nur die Lehrpersonen, sondern auch die Lernenden selbst quasi unmittelbar nach dem Test, wo sie in einem bestimmten Wissensbereich stehen. Ein Beispiel für eine konsequente Überprüfung des Vorwissens im Rahmen von Multiple Choice Tests lässt sich z.B. beim CYP finden:

CYP: Konsequente Nutzung von Tablets

CYP ist das führende Kompetenz- und Ausbildungszentrum für modernes und digitales Lernen der Schweizer Banken. An mehreren Standorten in der Schweiz führt CYP die überbetrieblichen Kurse für angehende Kaufleute in der Bankenbranche durch. Die überbetrieblichen Kurse bei CYP ergänzen die dreijährige Ausbildung in der Berufsfachschule und in den Betrieben. Seit 2012 setzt CYP als erste Bildungsorganisation in der Schweiz konsequent Tablets im Unterricht ein, welche die Lernenden auch ausserhalb von CYP nutzen können. Seither gilt CYP als eines der Kompetenzzentren für Blended Learning in der Schweiz. In der Zwischenzeit lässt CYP, wie auch viele andere Anbieter, die Lernenden ihre eigenen Geräte nutzen («bring your own device», BYOD). Das online-basierte Lernen findet im Wesentlichen auf der Lernplattform von CYP statt. Viele der dort vorhandenen Ressourcen (z.B. Ebooks, Filme und Lernprogramme) werden von den Educators von CYP entwickelt.

Im Unterschied zur Berufsfachschule verbringen die Lernenden durchschnittlich nur einen Tag pro Monat bei CYP. An den Kurstagen werden jeweils bankspezifische Themen, wie z.B. «Geldwäscherei» oder «Passivgeschäft», behandelt. Um die Präsenzzeit der Lernenden möglichst effektiv zu nutzen, spielt die online-basierte Vor- und Nachbereitung eine zentrale Rolle. Selbst die Anmeldung für die jeweiligen Kurstage erfolgt individuell.

Nach der Anmeldung erfolgt die Vorbereitung. Diese umfasst eine Selbsteinschätzung, die Aneignung neuen Wissens (z.B. durch die Nutzung von Ebooks oder von Lernfilmen) ebenso wie die Arbeit an eigens erstellten Fällen mit Praxisbezug, zu welchen die Lernenden am Kurstag eine erste Rückmeldung von den CYP-Educators erhalten. Die Vorbereitungsphase wird spätestens fünf Tage vor dem Präsenzkurs mit einem Vortest abgeschlossen. Die Testresultate werden den Lernenden und ihren Ausbildungsbetrieben vor Kursbeginn kommuniziert. Dazu können die Lernenden Stellung nehmen und die Testresultate mit ihren Praxisausbildern in der Bank besprechen.

Der Kurstag wird nur begrenzt zur Informationsvermittlung genutzt, sondern dient primär der Vertiefung der Fallarbeit, in der Regel in Gruppen, und schliesst mit einer erneuten online-basierten Selbsteinschätzung ab. Die Kursnachbereitung endet mit einem online-basierten Schlusstest, der im optimalen Fall bestanden werden sollte. Danach gilt es, die Erkenntnisse aus der Fallstudie und das erlernte Wissen im Betrieb umzusetzen.

(Quelle: CYP, 2020)

 

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass Lernende ihr Vorwissen in E-Portfolios darstellen oder in anderen digitalen Produkten, welche sie leicht mit anderen teilen können. Dies bietet sich etwa in der Berufsbildung an, wo Lerninhalte wann immer möglich auf die Erfahrungen der Lernenden in der Arbeitswelt bezogen werden.

Informieren

Immer schon liess sich die Phase des Informierens auch ausserhalb des Präsenzunterrichts organisieren. Die Möglichkeiten haben sich durch die digitalen Technologien jedoch enorm erweitert. So lassen sich Vorträge von Lehrpersonen und Dozierenden problemlos aufnehmen und über Lernplattformen verfügbar machen. Verbreitet sind auch E-Books; sie sind vor allem dann attraktiv, wenn Lernende die Möglichkeit erhalten, zentrale Abschnitte leicht in ihre Lerndokumentation zu übernehmen.

Besonders für die Phase des Informierens gilt, dass auch bei der Nutzung digitaler Medien die Komplexität im erforderlichen Mass reduziert wird – und dass die zugänglich gemachten Lerninhalte möglichst auf den entsprechenden Lernkontext zugeschnitten sind.

Oft wird bei in der Phase des Informierens auf eine Kombination von Präsenzlernen und online-basiertem Lernen gesetzt. Dabei ist jeweils sorgfältig zu klären, welche Inhalte aus welchen Gründen im einen oder eben im anderen Lernformat dargeboten werden.

Vertiefen

Die Phase der Vertiefung ist auch im herkömmlichen Präsenzunterricht jene, in welcher die Eigenarbeit der Lernenden (allein oder in Gruppen) ein grosses Gewicht hat. In Blended Learning Arrangements bestehen für diese Phase, wenig erstaunlich, noch weit mehr Möglichkeiten, z.B. durch Übungs- und Simulationsprogramme oder durch Lernspiele. Die technologische Entwicklung hat bewirkt, dass die online-basierte Vertiefung von Lerninhalten nicht nur als Einzelarbeit, sondern eben auch stärker interaktiv erfolgen kann, z.B. im Rahmen von online-basierten Spielen, Simulationen oder auch Foren/Chats.

Die mittlerweile sehr grossen Möglichkeiten zur online-basierten Vermittlung von Informationen erlauben es jedoch auch, bei der Vertiefungsphase ganz bewusst auf Präsenz zu setzen, vor allem dann, wenn die Vertiefung in Gruppen erfolgt. In Blended Learning Arrangements soll die Präsenz der Lernenden in der Vertiefungsphase aber nach Möglichkeit immer zu Resultaten führen, die auch digital dokumentiert und somit für alle zugänglich (z.B. über das Learning Management System) oder aber in einem persönlichen E-Portfolio abgelegt sind.

Auswerten

Bei der Ausgestaltung der Auswertungs- und Prüfungsphase ist primär darauf zu achten, dass die auszuwertenden Inhalte abbilden, was im Laufe der vorangegangenen Phase gelernt worden ist. In dieser Phase muss entschieden werden, ob etwa online-basierte Prüfungsformen eingesetzt werden sollen.

Auf jeden Fall nehmen die Möglichkeiten in diesem Bereich laufend zu. Stark verbreitet sind vor allem in der Hochschulbildung online-basierte Multiple-Choice-Tests. Auch wenn solche Tests mittlerweile auch für die Lösung komplexerer Fragen erstellt werden, besteht dennoch die Gefahr, dass der Fokus zu stark auf tiefe Kompetenzstufen gelegt wird.

Literatur

  • CYP (2020). Bildungskonzept
  • Hattie, J. & Zierer, K. (2016). Kenne deinen Einfluss! «Visible Learning» für die Unterrichtspraxis. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren
  • Städeli, Ch., Grassi, A, Rhiner, K. & Obrist, W. l (2010). Kompetenzorientiert unterrichten. Das AVIVA-Modell. Bern: hep.
Zitiervorschlag

Christoph Städeli, Markus Maurer, Claudio Caduff & Manfred Pfiffner, 2021: Das AVIVA-Modell im Blended Learning: Fünf Säulen einer guten Unterrichtsvorbereitung. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (3/2021), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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