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Internationale Kontakte 1/2022

Eine Berufsfachschule macht mobil

Austausch und Mobilität in der Bildung – bei diesem Stichwort denken viele an Kulturaustausch und Fremdsprachenerwerb. Mobilitätsprogramme können aber noch viel mehr sein, wie das Beispiel des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen (GBS) zeigt. Hier sind Austauschprojekte zu einem eigentlichen Treiber von Lernerfahrungen für Jugendliche und das Bildungspersonal geworden. «Die Schweizer Berufsbildung kann im Ausland viel lernen», sagt Rektor Daniel Kehl. Das neue Projekt Swiss-CoVE «innoVET» gibt dem Gedanken Schub; es wird unterstützt von movetia.

Daniel Fleischmann

Daniel Fleischmann ist Fachredaktor für Berufsbildung; er ist verantwortlich für das Magazin Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB) und redigiert Beiträge zur Berufsbildung im Fachnewsletter Panorama.

Wände haben Ohren, sagt man. Aber manchmal auch einen Mund. Im Büro von Daniel Kehl erzählen sie von Reisen auf dem Schiff, von Menschen in Bewegung, vom Glück neuer Erfahrungen. Es sind Plakate, die da reden. Sie dokumentieren die internationalen Kontakte, die der Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen (GBS) pflegt. Wer mit Daniel Kehl spricht, versteht, dass Mobilität weit mehr ist als die Idee, für einige Wochen im Ausland Englisch zu sprechen.

Lauter Kolleginnen und Kollegen

Daniel Kehl wurde 2006 Leiter der Schule für Gestaltung, einer Teilschule des GBS, der er seit 2019 als Rektor vorsteht. Als er damals seine neue Aufgabe in Angriff nahm, habe er nach den Aufgaben der Schule, ihrer Organisation und ihren Beziehungen gefragt: «Ich wollte wissen, wie die Schule funktioniert. Ich habe sie wie ein Haus betrachtet und fragte, wo die Türen sind, wieviele Räume wir haben und wozu sie dienen, wohin die Treppen führen und welche Bereiche ums Haus herum existieren.» Diese Auseinandersetzung prägte die Schulentwicklung während vieler Jahre. Am meisten aber löste die Frage ganz am Schluss aus, die Frage nach den Nachbarn jenseits des Zauns. Erstens, weil Informationen dazu praktisch fehlten. Und zweitens, weil sie eine Vielzahl von neuen Erfahrungen ermöglichte und weiterhin ermöglicht.

Einen ersten Blick über den Zaun warf Daniel Kehl im Jahr 2011, als er zusammen mit Ben Hüter, Direktor am Berufsbildungszentrum IDM in Thun, an einem Kongress des Netzwerks EGIN (network for professionals in the media & creative industry) teilnahm. Diese Erfahrung öffnete ihm die Augen und präge ihn bis heute, sagt er: «Ich begegnete lauter Kolleginnen und Kollegen, die nichts anderes tun wie wir: Sie bilden Lernende aus, in Spanien, Finnland, Dänemark, Deutschland. Die Gespräche mit ihnen waren hochinteressant. Und man lernte sich persönlich kennen und tauschte Adressen aus.» Schon ein Monat nach dem Kongress ging es weiter: Ein spanischer Schulleiter lud Kehl ein, mit seiner Schule an einem durch das Erasmus-Programm der EU geförderten Projekt teilzunehmen, an dem sich auch Finnland, Holland und Dänemark beteiligten. Es ging darum, sich über die Veränderungen in der Druckbranche auszutauschen, etwa alle halbe Jahre im Rahmen von insgesamt sechs gegenseitigen Besuchen. «Link» hiess das Projekt, eines der Poster in Kehls Büro ist damals entstanden.

ABC der Internationalisierung

Dank einem Besuch in einer finnischen Schule gibt es auch an der GBS eine Reckstange in einem Schulflur, an der die Lernenden ihre Pausen verturnen können.

Seit diesem Projekt ist Daniel Kehl vom Wert internationaler Austausche und ihrer Bedeutung für die Schulentwicklung überzeugt. Das beginnt bei Details: Dank einem Besuch in einer finnischen Schule gibt es auch an der GBS eine Reckstange, an der die Lernenden ihre Pausen verturnen können. Und endet im Grossen: Die GBS hat vor einigen Monaten damit begonnen, nach dem Vorbild zweier dänischer Schulen Klassenzimmer aufzulösen und offene Lernräume einzurichten. Solche Inspirationen motivierten Daniel Kehl, im Rahmen seiner Masterarbeit ein «ABC der Internationalisierung» zu verfassen, das Schulleitungspersonen 26 Inputs und eine Auswertung für eine gelingende Internationalisierung zur Verfügung stellt.[1] Daniel Kehl war es dann auch, der die Organisation des Nachfolgeprojekts von Link (Link 2) übernahm, das sich mit Verpackungs-Design beschäftigte, dem damals wichtigsten «growing market» der Kreativindustrie. Auch diesmal bildeten gegenseitige, rund fünftägige Besuche den Kern des Projekts, an denen pro Schule jeweils zwei bis drei Leitungspersonen und ein halbes Dutzend Lernende teilnahmen – erneut finanziert über Erasmus. Und wieder folgten die Zusammenkünfte einem sorgfältig definierten Programm mit Vorträgen, Workshops, Projektarbeiten, Exkursionen, Diskussionen und gemeinsamen Aktivitäten in der Freizeit. Beim Treffen in Dänemark etwa besuchten die Lernenden aus den fünf beteiligten Ländern den Lego-Konzern und erhielten dann die Aufgabe, möglichst coole Verpackungen zu entwickeln – von der Bedarfsanalyse über die Idee bis zur Produktion und Präsentation. Das neuste Ding damals waren interaktive packages.

Interkulturelle Kompetenzen – in solchen Projektarbeiten werden sie intensiv gefördert. «Wenn Jugendliche aus verschiedenen Ländern an einem gemeinsamen Ziel arbeiten, dann passiert unglaublich viel», sagt Daniel Kehl. «Die einen gehen vielleicht unstrukturierter vor, aber sie haben die überraschenderen Ideen. Andere verharren eher passiv, dafür können sie emotionaler, überzeugender argumentieren. Dritte können vielleicht nicht gut skizzieren, dafür haben sie den Mut, Einwände zu formulieren.» Statt von interkulturellen Kompetenzen spricht Daniel Kehl gerne auch von den 4K, die für Lernende im 21. Jahrhundert von herausragender Bedeutung seien: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.

Wenn man Daniel Kehl fragt, was denn die Schweizer Berufsbildung im Ausland lernen könne, lacht er: «Wir können uns immer verbessern».

Wenn man Daniel Kehl provokativ fragt, was denn die Schweizer Berufsbildung im Ausland lernen könne, wo sie doch längstens Exzellenz-Status erreicht habe, lacht er. «Wir können uns immer verbessern», antwortet er und sagt: «Ich glaube, dass die Schweizer Berufsbildung gut organisiert ist und gute Ergebnisse hervorbringt. Aber wenn es zum Beispiel darum geht, in einer chaotischen Situation den Überblick zu behalten, kreativ zu werden, kritisch zu kommunizieren oder über den Tellerrand unserer Bildungspläne zu blicken, kommen unsere Lernenden und wir selber an Grenzen.» Auch inhaltlich: Wie Photoshop geht, müsse man einer Schweizer Grafikerin nicht zeigen. Aber beim Umgang mit Musik und Sounds hätten die Holländer die Nase vorn. Nicht zuletzt solche Erkenntnisse waren es, die Daniel Kehl und Ben Hüter motivierten, sich in der deutschen Schweiz für die Schaffung der beruflichen Grundbildung «Interactive Media Designer EFZ» einzusetzen. Viele Elemente schauten sie dem Ausland ab.

Projekt Swiss-CoVE «innoVET»

Heute gehört das GBS St.Gallen zu einem europäischen Netzwerk von Schulen, die regelmässig an Austauschprogrammen teilnehmen. Das erklärt auch, warum sich die GBS auf ihrer Website auch in englischer Sprache präsentiert – vermutlich als einzige Berufsfachschule der Schweiz. Eines der Programme ist Commercialpolis, in dessen Rahmen sich die Lernenden anlässlich von acht Meetings mit gutem Storytelling in Videoclips auseinandersetzten. Ein Ergebnis der Konferenz in St.Gallen bildeten einminütige Werbeclips zum Thema «Local Heroes», lokal produzierte Nahrungsmittel. Weitere Projekte waren Kosmopolis, THINK!digital, noch am Laufen ist CS-21.[2]

«Derzeit nehmen etwa 50 Lernende pro Jahr teil, damit bin ich noch nicht zufrieden. Das ist auch eine Frage der Kultur, seitens der Lernenden, der Eltern, der Arbeitgeber.» Daniel Kehl

Daniel Kehl geht es nicht darum, dass seine Schule an möglichst vielen internationalen Aktivitäten teilnimmt – «seien Sie quantitativ ein Junior-, qualitativ aber ein Senior-Partner», lautet eines der Postulate aus seinem ABC. Aber er möchte das Anliegen des interkulturellen Austausches vorantreiben. Neben einem breiten Angebot an bilingualem Unterricht bietet das GBS seit 2017 ein «mobility Programm» an, das auch mit administrativen Ressourcen ausgestattet ist. Hier erhalten die Lernenden und das Bildungspersonal – finanziell unterstützt von movetia, der nationalen Agentur zur Förderung von Austausch und Mobilität im Bildungssystem – auch die Möglichkeit zum individuellen Auslandaufenthalt an einer von 15 Partnerschulen. Die Nachfrage allerdings könnte noch besser sein. «Derzeit nehmen etwa 50 Lernende pro Jahr teil, damit bin ich noch nicht zufrieden. Das ist auch eine Frage der Kultur, seitens der Lernenden, der Eltern, der Arbeitgeber.» Ähnliches gilt für die Lehrpersonen: «Jede Lehrkraft kann eine Woche ins Ausland gehen, bezahlt. Aktuell nutzt das ein halbes Dutzend Personen pro Jahr.» Das hat auch mit der Lehrpersonenbildung zu tun: Interkulturelles Lernen oder Mobilität sind in der Bildung von Lehrpersonen der Sekundarstufe II praktisch inexistent. Daniel Kehl bedauert dies: «Es ist schwer, Lehrpersonen zur Mobilität zu motivieren, wenn sie davon noch nie gehört haben», sagt er. Auch Fortbildungen sind rar gesät. So bieten nur zwei Institute einschlägige Bildungsgänge an: Die OST-Ostschweizer Fachhochschule (CAS interkulturelle Kompetenz) und das Institut für Kommunikation & Führung IKF der Universität Luzern CAS Interkulturelle Kommunikation & Transkulturelle Kompetenzen).

Daniel Kehl ist inzwischen ein gefragter Fachmann zum Thema Mobilität. So engagiert er sich auch als Projektleiter eines neuen Projektes namens «Swiss-CoVE innoVET» (Innovation durch Internationalisierung der Schweizer Berufsbildung). An diesem vom SBFI finanzierten Vorhaben (einem Center of Vocational Excellence gemäss Terminologie der EU[3]) nehmen 15 Schulen aus neun Ländern teil. Ziel ist es unter anderem, Strukturen, Werkzeuge und Methoden zu entwickeln, die es interessierten Berufsfachschulen erleichtern, eine Internationalisierungsstrategie zu entwickeln und Innovation zu fördern; Basis dafür bildet das Bundesgesetz und die Verordnung über die internationale Zusammenarbeit und Mobilität in der Bildung, die voraussichtlich im Frühjahr 2022 in Kraft treten werden.

 

«Sie gehen als Jugendliche und kommen als Erwachsene zurück»

Erstaunlich, dass nicht mehr Jugendliche ins Ausland gehen. Denn auf solchen Aufenthalten basiert so manche Erfolgsgeschichte des Werkplatzes Schweiz.

«Erlernt auf euren Wanderjahren im Ausland vor allem das Eisengiessen» – mit diesen Worten ermunterte, den Quellen nach, Johann Jacob Sulzer seine beiden erstgeborenen Söhne Johann Jakob und Salomon in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts, ins Ausland zu gehen. Er hatte erkannt, dass die Zukunft nicht im teuren Messinggiessen, sondern im Eisenguss lag. Was folgte, ist Industriegeschichte: Sulzer stieg, unter anderem von Ideen und Fachleuten aus dem Ausland beflügelt, zum Weltkonzern auf.

Die Schweizer Industriegeschichte ist reich an Beispielen, die zeigen, dass ausländische Erfahrungen und Netzwerke entscheidend für den Aufstieg eines Unternehmens und das wirtschaftliche Wohl des Landes sind. Natürlich erschwert die Struktur der beruflichen Grundbildung mit ihren drei Lernorten die Organisation von längeren Abwesenheiten der Lernenden. Ein Aufenthalt im Ausland erfordert von den Lehrbetrieben die Einsicht, dass die entstehenden Fehltage kurzfristig negativ zu Buche schlagen mögen, aber mittel- und langfristig lohnend sind. Es gibt längstens genügend Lehrbetriebe, die positive Erfahrungen gemacht haben. Stefanie Fritschi betreut bei Swissmem das Programm MovMEM, in dessen Rahmen Jugendliche während rund drei Wochen ins Ausland gehen. Sie sagt: «Viele Firmen meinen, sie könnten sich den Austausch nicht leisten oder er bringe nichts. Wir machen gegenteilige Erfahrungen. Viele Firmen stellen fest, dass die Lernenden nach dem Aufenthalt im Ausland offener sind, bereiter zu lernen, und anders an die Dinge herangehen.»[4] In einer Zeit, wo immer mehr Unternehmen international aktiv sind, sind solche Erfahrungen ein gutes Pfand für Lernende und Betriebe gleichermassen.

Auch die Forschung kann belegen, wie nützlich Erfahrungen in anderen Kulturen sind. Die Vorteile lägen auf der Hand, sagt Stefan Kammhuber, Leiter des ikik-Instituts für Kommunikation und Interkulturelle Kompetenz an der «OST-Ostschweizerische Fachhochschule». Diese umfassen weit mehr als das Fremdsprachenlernen.

  • In anderen Kulturräumen schärfen Lernende ihren Blick für ihre eigene kulturelle Identität. Indem man andere kennenlernt, lernt man sich selber kennen.
  • Im Ausland lernen junge Berufsleute andere Technologien oder Verfahren kennen, die sie zuhause nutzen können.
  • Indem Lernende Menschen im Ausland kennenlernen, erweitern sie ihr persönliches und berufliches Netzwerk. Das ist für international vernetzte Betriebe oder berufliche Tätigkeiten von hoher Bedeutung.
  • Durch das Wagnis, sich in ein unbekanntes Umfeld zu begeben und offene Situationen zu riskieren, begeben sich Lernende aus ihrer Komfortzone heraus. Sie steigern damit das, was die Psychologie Selbstwirksamkeit nennt – das Vertrauen, dass sie das, was sie unternehmen, auch zu einem guten Ende bringen werden.
  • Dieses Selbstvertrauen kann man auch als Zukunftskompetenz bezeichnen. Es lässt uns Menschen gelassen bleiben, wenn sich unsere Umgebung immer rascher wandelt oder wenn Entwicklungen ungewiss sind.

«Lernende gehen oft als Jugendliche ins Ausland und kommen als Erwachsene zurück», sagt Stefan Kammhuber – je länger die Aufenthalte dauern, desto eher. «Zwar können auch Kurzaufenthalte von drei Wochen sinnvoll sein, aber länger bringt mehr.» Kammhuber empfiehlt zudem, den Austausch vorzubereiten. Hier geht es etwa darum, sich gedanklich mit typischen Situationen auseinanderzusetzen – einem anderen Zeitverständnis etwa oder der Bedeutung von Hierarchien. Und Nachbereitungen dienten dazu, eine Bilanz der gemachten Erfahrungen zu ziehen. Dafür habe sich die Methode der «Critical Incidents» bewährt, mit der man kritische Situationen aus vergangenen Geschehnissen erfassen und deuten kann – etwa im Hinblick auf die Frage, welche Werte in der eigenen und der anderen Kultur wichtig sind. «Interkulturelle Kompetenz bedeutet nicht, ein besserer Japaner zu sein, als es die Japaner selber sind. Vielmehr geht es darum zu lernen, andere zu verstehen, dabei sich aber treu zu bleiben, ohne das Gegenüber zu brüskieren.»

[1] Das Dokument steht auf der Website der Schweizerische Direktorinnen- und Direktorenkonferenz der Berufsfachschulen zum Download bereit.

[2] Informationen zu diesen Programmen sind auf der Website der GBS zu finden.

[3] Informationen über die CoVE sind hier zu finden.

[4] Zitat aus einer Videodokumentation von movetia.

Zitiervorschlag

Daniel Fleischmann, 2021: Eine Berufsfachschule macht mobil: Internationale Kontakte. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (1/2022), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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