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Neues Buch im hep verlag 2/2022

Eine Schule ohne Noten

Erinnern Sie sich daran, wie Sie lesen gelernt haben? Oder jonglieren? Programmieren, kochen oder fischen? Wenn ja, dann sind damit sicher auch Erinnerungen an Fehlschläge, Erfolgserlebnisse und Freude über das eigene Können verbunden. Aber wohl kaum an Bewertungen. Wirksame Lernprozesse haben viel mit Entwicklungen, Förderung, Fehlerkultur und Kompetenzerleben zu tun – und praktisch nichts mit Bewertungen. – Ein Plädoyer für die Abschaffung von Noten in der Schule.

Björn Nölte

Björn Nölte ist für die Schulaufsicht der Schulstiftung der Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz verantwortlich. Zuvor war er am Studienseminar Potsdam als Oberstufenkoordinator tätig. Er unterrichtete die Fächer Deutsch, Geschichte und Politische Bildung.

Das Wichtigste ist die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden.
Alle Schülerinnen und Schüler möchten vom Lehrer oder der Lehrerin
so angenommen werden, wie sie nun einmal sind.
Viele Lernende und auch ihre Eltern erleben Noten als Ablehnung. Remo Largo

Eine Note markiere das Ende des Lernens, stellt der Bildungsforscher John Hattie in seiner grossen Studie über wirksamen Unterricht fest. Noten oder auch verbale Beurteilungen würden von Schülerinnen und Schülern schnell durchschaut: Sie helfen ihnen nicht, ihr Lernen voranzubringen. Die wichtigen Prozesse, die Lernende voranbringen, erfolgen alle, bevor eine Arbeit abgegeben, eine Prüfung geschrieben oder ein Lernprodukt bewertet wird. Lernen ist nicht auf Bewertungen angewiesen. Wenn also Unterricht gute Umgebungen für Lernprozesse schaffen soll, dann muss er sich auf das beschränken, was vor Abgabe und Klausur liegt; auf all das, was Lernenden hilft, ohne dass sie bewertet werden. Auf den Punkt gebracht: Unterricht wird ohne Prüfungen und Noten besser.

Verliert der Unterricht an Verbindlichkeit?

Diese Vorstellung ist aber vielen Lehrerinnen und Lehrern fremd. Sie befürchten, dass Lernen an Verbindlichkeit verliert, wenn keine Prüfungen mehr nötig oder möglich sind. Ihr Argument: Auch wenn die entscheidenden Aktivitäten vor einer Leistungsüberprüfung stattfinden, so sind Kinder und Jugendliche nur deshalb motiviert, diesen Aktivitäten nachzugehen, weil es eine Leistungsüberprüfung gibt. Lehrkräfte, die so denken, stützen sich oft auf ihre Erfahrungen in Fächern, Kursen oder Phasen ohne Prüfungen. Sie beobachten, dass Schülerinnen und Schüler da Aufgaben aus dem Weg gehen und nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit an ihren Lernprozessen arbeiten.

An die Stelle des Noten-Bewertungssystems muss eine Form von Verbindlichkeit und Feedback treten, die von allen Beteiligten (Lernenden, Lehrenden, weiterführende Bildungsinstitutionen und Betrieben) ernst genommen wird.

Diese Erfahrungen werden aber alle in einer Prüfungskultur gesammelt, welche Unterricht an Prüfungen und Noten ausrichtet. Haben Schülerinnen und Schüler verinnerlicht, dass Noten Lernprozesse beurteilen, dann werden sie beim Wegfall von Beurteilungen sofort den Eindruck erhalten, der Unterricht habe wenig Bedeutung, wenn keine Noten gemacht werden. Die Motivation von Lernenden, ohne Noten aktiv zu sein, kann nur beurteilt werden, wenn konsequent auf Noten verzichtet wird. Entscheidend ist, dass man nicht einfach Noten entfernt und das alte System beibehält. Diese Veränderung muss sich auch auf die Lernkultur erstrecken. An die Stelle des Noten-Bewertungssystems muss eine Form von Verbindlichkeit und Feedback treten, die von allen Beteiligten (Lernenden, Lehrenden, weiterführende Bildungsinstitutionen und Betrieben) ernst genommen wird.

Noten bedeuten Gesprächsabbruch

Lernen muss in einen verbindlichen Dialog eingebunden werden. Auch wenn Prüfungen und Notengebung Lernprozesse abrupt beenden, so stellen sie doch eine Art Antwort auf das dar, was Schülerinnen und Schüler machen. Allerdings eine falsche Antwort – die richtige führt zu einem Lerngespräch. Sie beschreibt, fragt nach, denkt weiter, fordert heraus. All das tun Prüfungen nicht: Sie brechen ein Gespräch ab, statt es in Gang zu bringen. Eine sinnvolle Antwort ist Feedback, eine Rückmeldung. Sie zeigt Schülerinnen und Schülern, dass ihr Lernen wichtig ist, dass andere Menschen sich dafür interessieren, dass Probleme besser gelöst werden können, wenn mehrere Menschen gemeinsam darüber sprechen. Gespräche über Lernen sind motivierend und führen zu einer Verbesserung und Entwicklung des Lernens, weil sie auch zu einer Reflexion dessen führen, was überhaupt gemacht wird.

Prüfungssituationen brechen mit etablierten Vorstellungen von Lernkultur. Unterstützen und begleiten die Lehrenden Lernende im Alltag, so treten sie bei Prüfungen in die Rolle einer kontrollierenden und bewertenden Instanz. Der dabei auftretende Rollenkonflikt ist erheblich. Schülerinnen und Schüler erleben eine Person, die ihnen beim Lernen hilft, wohlwollend mit Schwächen umgeht und eine motivierende, verbindliche Bezugsperson ist, plötzlich von einer anderen Seite: Sie streicht Fehler an, bewertet Leistungen auch dann, wenn sie aus nachvollziehbaren Gründen nicht so gut ausfallen, und vergleicht Lernende untereinander, die sich möglicherweise gar nicht miteinander messen sollten, weil sie einen ganz anderen Lernstand aufweisen.

Noten fördern Frustrationen

Noten führen zu Frustration. Das hat mehrere Gründe.

Menschen sind bei Vergleichen nur dann zufrieden, wenn sie etwas besser sind als die direkten Nachbarinnen und Nachbarn.

  1. Zunächst orientieren sie sich an teilweise willkürlichen, immer einseitigen Kriterien, die nicht alle Aspekte eines Lernprozesses abbilden. Stellen wir uns eine Schülerin vor, die sich intensiv auf eine Mathearbeit vorbereitet und dabei beträchtliche Fortschritte macht. Sie freut sich, dass sie Aufgaben lösen kann, die sie vorher nicht verstanden hat. Bei der Prüfung kommt aber nur eine dieser Aufgaben, bei der Lösung macht sie einen Flüchtigkeitsfehler. Viele andere Aufgaben entstammen Bereichen, in denen sie sich nicht verbessert hat; ihre Note ist entsprechend schlecht. Die Frustration lässt sich einfach erklären: Die Note kann die reale Verbesserung der Schülerin nicht abbilden.
  2. Ein zweiter Grund für die Frustration liegt beim Vergleichscharakter von Noten: Wenn jemand Surfen lernt, dann tut das diese Person nicht, um sich mit anderen zu messen. Es geht selten darum, überdurchschnittlich gut zu sein, wenn Können entwickelt wird, sondern es geht um dieses Können. Noten führen aber sofort zu einem Vergleich mit anderen. Psychologisch passiert dann etwas gleichermassen Einfaches wie Verheerendes: Menschen sind bei Vergleichen nur dann zufrieden, wenn sie etwas besser sind als die direkten Nachbarinnen und Nachbarn. Ihr eigener Leistungsstand ist dabei nicht mal mehr entscheidend. Aus statistischen Gründen können aber nur wenige besser sein als alle anderen – was dazu führt, dass viele frustriert sind.
  3. Eine dritte Frustrationsquelle ist die Auswirkung, die Bewertungsprozesse auf pädagogische Beziehungen haben. Lehrerinnen und Lehrer sollten Schülerinnen und Schüler beim Lernen unterstützen, ihnen durch Unterricht und Feedback helfen, Können zu entwickeln. Notengebung liegt quer zu dieser Aufgabe: Plötzlich müssen die Unterstützungspersonen verletzen, selektionieren, Fehler und Defizite markieren. So entsteht eine widersprüchliche Beziehung, welche die Schulerfahrung vieler Kinder belastet. Ihr Vertrauen in eine Lehrperson und ihre Freude am Lernen treffen auf eine oft verletzende Bewertung. Alle diese Gründe für die mit Noten verbundene Frustration haben damit zu tun, dass Noten Fehlanreize darstellen. Das bedeutet, dass schulische Bewertungen Verhaltensweisen belohnen, die der Funktion von Schule widersprechen. Statt ganzheitlich und selbstwirksam zu lernen, nehmen Schüler*innen schnell die Kriterien in den Blick, die bewertet werden. Sie geben sich in Fächern ohne Noten weniger Mühe, investieren kaum Zeit in freiwillige Projekte und lösen Aufgaben so, dass sie dafür Punkte bekommen: Wird Französisch nur schriftlich geprüft, lernen Kinder nicht, wie Wörter ausgesprochen werden, sondern lediglich, wie sie buchstabiert werden. Fächer, die in Abschlussprüfungen besondere rechnerische Bedeutung haben – oftmals Deutsch, Mathematik, Englisch – werden von den Lernenden ernster genommen als die anderen.

Lernprozesse brauchen gute Bedingungen, um sich entfalten zu können. Zu diesen Bedingungen gehören Wohlbefinden, Selbstvertrauen, Sinnerfahrung, Kompetenzerleben, Herausforderung, soziale Eingebundenheit, Begleitung durch geschulte Fachpersonen, attraktive Lernumgebungen, Bewusstsein für das eigene Lernen und Feedback. Lernprozesse können aber auch behindert werden: durch Angst, Frustration, Komplikation, Ablenkung, Störung, Verunsicherung der Lernenden. Noten beenden und behindern Lernprozesse. Sie erschweren es Lernenden, sich auf ihren Lernprozess zu fokussieren, und lenken die Aufmerksamkeit auf eine Bewertung, die alle fürs Lernen wichtigen Bedingungen erschüttert. Wer bewertet wird, zweifelt an sich selbst, sieht den Sinn des Lernens in dieser Bewertung statt im Aufbau von Kompetenz, im Lernen, im Sinnerleben.

Gespräche statt Zensuren

Gespräche sind eine Möglichkeit, um genaue Kritik so zu äussern, dass sie für alle annehmbar ist und ihnen dabei hilft, sich weiterzuentwickeln.

Schule soll zu einem Ort werden, an dem Persönlichkeiten gestärkt werden und sich entwickeln können. Im Unterricht erhalten sie Zugang zu vielfältigen Lernmöglichkeiten. Sinnvolle Routinen schaffen einen Rhythmus, Lernprodukte stellen aus, was Lernende können. Untereinander geben sie sich Feedback und lernen, wie das funktioniert – in Gesprächen mit Lehrenden erhalten sie Rückmeldungen, die sich auf ihre Arbeit und ihren Arbeitsprozess beziehen. Diese Gespräche sind eine Möglichkeit, um genaue Kritik so zu äussern, dass sie für alle annehmbar ist und ihnen dabei hilft, sich weiterzuentwickeln. Noten braucht es dazu keine: Sie schaffen Abhängigkeiten und Machtverhältnisse, welche Schulen und Lehrpersonen belasten und daran hindern, ihren Aufgaben nachzukommen. Schulen orientieren sich an ihrem demokratischen Auftrag. Dazu gehören auch Standards, die beschreiben, welche Ziele Lernende erreichen sollten. Diese Zielerreichung steht in der täglichen Arbeit im Vordergrund. In motivierenden, sinnhaften Formen nähern sich Lernenden ihren Zielen. Wenn sie diese nicht erreichen, merken sie es und werden aufgefordert, weiterzuarbeiten und andere Wege zu finden, die Vorgaben zu erfüllen. Noten braucht es dazu nicht: Sie zeigen entweder eine Zielerreichung an und überlagern dabei die Freude über die eigene Leistung – oder sie markieren einen Lernrückstand, der aber lediglich provisorisch ist. Im nächsten Lernschritt wird er aufgeholt, das Defizit muss nicht sichtbar gemacht werden.

Noten mildern die Freude über gute Leistungen und erschweren es, Defizite anzupacken und aufzuholen. Rückmeldungen hingegen stellen individuell erbrachte Leistungen in den Vordergrund, ermutigen, drücken Wertschätzung aus und machen Verbesserungsvorschläge. Sie laden ein, übers Lernen und Arbeiten mitzudenken, in Gespräche einzutreten, Verantwortung zu übernehmen. Feedback ist ein erster Schritt, um mit Lernenden gemeinsam über ihre Leistungen nachzudenken, eine Art Sprungbrett hin zu offenen Dialogen. Deshalb müssen Rückmeldungen mehr sein als verkappte Beurteilungen, als einseitige Einschätzungen von Lehrenden. Fragen sind darin wichtiger als Mitteilungen, Wahrnehmung von Stärken wirksamer als Korrekturen von Defiziten.

Auch das Bildungssystem muss sich verändern

Es herrscht eine Illusion der Transparenz von Noten.

Noten betreffen nicht nur Unterricht und Prüfungen – sie gehören zur DNA eines Bildungssystems. Über Noten wird gesteuert, wer in mehrgliedrigen Schulsystemen welche Stufe besucht, wer welches Studium aufnehmen darf bzw. wer welcher Berufsausbildung nachgehen kann. Noten werden als Informationsspeicher genutzt, dem verdichtet zu entnehmen ist, wie Übergänge im Bildungssystem gestaltet und wie zusätzliche Ressourcen verteilt werden sollen. Verzichtet man auf Noten, dann hat das Auswirkungen auf das System. Alles, was mit Noten verbunden ist, muss neu geregelt, neu ausgehandelt werden. Wie qualifizieren sich Schülerinnen und Schüler beispielsweise für ihre spätere berufliche Laufbahn, wenn nicht über Noten?

Noten ermöglichen eine vereinfachte Auslese – sie helfen dabei, diejenigen Lernenden auszuwählen, die Anrecht auf bestimmte Angebote und Möglichkeiten haben. Und sie schliessen andere aus. Allerdings wird der Entscheidungsvorgang intransparent, weil Noten sehr stark vereinfachen: Sie machen Kriterien so transparent, dass sie auf Zahlen rückführbar sind. Wer die richtigen Zahlen vorweisen kann, übersteht die Selektion, wer nicht, wird zurückgewiesen. Die Kehrseite ist aber das Zustandekommen dieser Zahlen: Hier herrscht Intransparenz, auch wenn Gründe oder Logiken angegeben werden können, wie Noten entstehen. Diese Gründe sind alle anfällig für Kritik, weil Noten auch ganz anders gemacht werden könnten, mit anderen Prüfungen, anderen Gewichtungen. Kurz: Es herrscht eine Illusion der Transparenz von Noten.

Diese Transparenz ist erkauft und hat eine Schattenseite. Noten sind zwar das Systemgedächtnis, können sich aber nur an wenig erinnern. Je transparenter und differenzierter ein Verfahren zu sein scheint, desto mehr versteckte Intransparenz enthält es. Je besser sich ein Systemgedächtnis an bestimmte Dinge erinnert, desto mehr vergisst es. Die einheitlichen Zahlen verstecken, dass sie auch ganz anders hätten ausfallen können. Die daraus resultierenden Systementscheide sind fehlerhaft, egal ob sie die Aufteilung von Schülerinnen und Schülern in ein mehrgliedriges Schulsystem oder die Zuweisung zu bestimmten beruflichen Ausbildungswegen betreffen.

Nachsatz

Das Bewusstsein für die fehlerhafte Steuerung, die von Noten ausgeht, steigt: Unser Buch ist ein Plädoyer für ein Umdenken. Schule und Noten sind gedanklich aneinander geknüpft, wir haben gelernt, Unterricht mit Prüfungen und Bewertungen zu verknüpfen. Damit wir uns von dieser Vorstellung lösen können, müssen wir umdenken und den Prozess des Ent-Notens in Angriff nehmen. Dazu braucht es viele kleine Schritte, aus denen ein grosser Schritt entstehen kann. Auch das vorliegende Buch ist nur ein kleiner Schritt – viele andere wurden vorher unternommen, viele weitere werden folgen. Die hier nachgezeichneten Überlegungen verdanken sich der Inspiration vieler Mit- und Vordenkenden, den mutigen Experimenten von Pionierinnen und Pionieren, differenzierten Forschungsergebnissen aus der Wissenschaft und dem beharrlichen Einsatz zahlloser Lehrenden in der Praxis.

Björn Nölte, Philippe Wampfler (2021): Eine Schule ohne Noten. Neue Wege zum Umgang mit Lernen und Leistung. Bern, hep verlag

Zitiervorschlag

Björn Nölte, 2022: Eine Schule ohne Noten: Neues Buch im hep verlag. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (2/2022), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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