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Evaluationsforschung zum Projekt «kabel an Berufsfachschulen im Kanton Zürich» 2/2022

Jugendliche brauchen niederschwellige Beratung

Es fällt nicht allen Jugendlichen leicht, die Berufslehre zu durchlaufen. Schulische und betriebliche Probleme, aber auch gesundheitliche oder familiäre Schwierigkeiten sorgen dafür, dass sie auf Beratung angewiesen sind. Mit «kabel» existiert im Kanton Zürich seit über 30 Jahren eine Fachstelle, die sich dieser Jugendlichen annimmt. Im Rahmen eines Projektes wurde das Angebot auf vier Berufsfachschulen erweitert. Eine Evaluation verdeutlicht den Beratungsedarf von Lernenden im ersten und zweiten Lehrjahr und zeigt eine hohe Zufriedenheit der Nutzerinnen und Nutzer. Das wirft die Frage auf, ob Angebote wie diese nicht an sämtlichen Berufsfachschulen sinnvoll wären.

Silvia Pool Maag

Prof. Dr. Silvia Pool Maag leitet den Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt «Sonderpädagogik: Inklusion und Diversität» an der Pädagogischen Hochschule, Kanton Zürich.

Das Ausmass der berichteten Belastungen und die Hinweise auf Massnahmenkarrieren haben das Evaluationsteam überrascht. Unerwartet stark verbreitet sind Mehrfachbelastungen.

Die Fachstelle «kabel» für Fragen zur beruflichen Bildung ist seit 1991 im Kanton Zürich tätig. kabel entwickelt mit den Lernenden passende Lösungen zu betrieblichen, schulischen und privaten Problemen mit dem Ziel, die Ausbildung erfolgreich abzuschliessen oder bei Lehrvertragsauflösungen passende Anschlusslösungen zu finden. Das Angebot richtet sich an Lernende aus allen Berufen sowie an Bezugspersonen wie Eltern, Lehrpersonen und Berufsbildende.

Seit 2013 bietet kabel am Bildungszentrum Limmattal (BZLT) in Dietikon zusätzlich Beratungen vor Ort an. Die bisherigen Erfahrungen sind positiv und bestätigen die in Studien berichtete präventive Wirkung niederschwelliger Beratung. Der Weg von der Problemsituation zur Problemlösung wird für Betroffene kürzer. Mit dem Projekt «kabel an Berufsfachschulen im Kanton Zürich» (2018-2021) wurde dieses Angebot auf drei weitere Berufsfachschulen im Kanton Zürich ausgeweitet (BFS Winterthur, GBW Wetzikon, BZZ Horgen). Die Pädagogische Hochschule Zürich wurde mit der wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation des Gesamtprojekts beauftragt. Im Zentrum der Analyse standen standortspezifische Aspekte sowie Fragen zur Umsetzung und Nutzung des Angebots, zur Klientel und den Beratungsanlässen sowie zur Wirksamkeit des Beratungsangebots. Es liegen ein Zwischenbericht sowie ein Schlussbericht vor.

Methodisches Vorgehen und Instrumente

Um der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes gerecht zu werden, kombiniert das Design qualitative und quantitative Methoden der Datenerhebung und -auswertung in einem Mixed-Methods-Ansatz (Mayring, 2007). In der ersten Phase der Evaluation wurde das triangulierte Design für die Einschätzung der Umsetzung des Beratungsangebots eingesetzt (Flick, 2008). Fallbezogen wurden Daten fragebogenbasiert im Längsschnitt erfasst (Beratungen der Jugendlichen) und mit Befragungen im Querschnitt ergänzt (Einschätzung des Angebots durch die beteiligten Coaches, Lehr- und Leitungspersonen, Jugendlichen). Dieser multiperspektivische Ansatz hat sich in der Evaluationsforschung bei der Erfassung von Wirkungen und Zusammenhängen etabliert (Klawe, 2006). Zusätzlich wurden leitfadengestützte Fokusgespräche mit den Coaches und der kabel-Projektleitung durchgeführt. Die zweite Phase der Evaluation fokussierte Fragen zur Spezifität der Standorte auf der Basis fragebogenbasierter, fallbezogener Daten (Sicht der Coaches und der Beratenen).

Ziele und Stichprobe

Ziel der ersten Phase der Evaluation (Schuljahr 2018/19) war, die Umsetzung und Beratungspraxis von «kabel an Berufsfachschulen» möglichst differenziert entlang der Fragestellungen zu erfassen und zu dokumentieren. In der zweiten Phase der Evaluation, ab Schuljahr 2019/20, standen standortspezifische Fragestellungen im Fokus der Analyse (inkl. der Beratungspraxis am BZLT). Die Stichprobe umfasst vier Berufsfachschulen unterschiedlicher Grösse im Kanton Zürich mit verschiedenen Berufen[1], 1065 Beratungsfälle, 217 Lehrpersonen, fünf Leitungspersonen und Rektorinnen und Rektoren, vier Coaches und die Projektleitung.

Ergebnisse

Umsetzung und Nutzung des Angebots

Die Ratsuchenden sind insgesamt zufrieden bis sehr zufrieden mit dem Beratungsverlauf.

Die Ratsuchenden wurden über Werbeflyer und Plakate (2%), über das Internet (4%) sowie über verschiedene Personen auf das Beratungsangebot aufmerksam (Lehrpersonen, 43%, Fachpersonen, 18%, schulexterne kabel-Beratungsstellen, 18%, Eltern, 8%, Berufsbildende, 5%). Die Beratung wurde von den Jugendlichen einerseits spontan aufgesucht, andererseits wurden Beratungstermine vereinbart; letztere Möglichkeit nutzten über drei Viertel der Beratenen (78%). Trotz unterschiedlicher Schulen und Berufe besteht über die Standorte hinweg ein Beratungsbedarf. Die Umsetzung der Beratungen (z.B. Beratungsformate) variiert an den Berufsfachschulen. Unterschiede entstehen durch das Pensum und die Arbeitszeiten der Coaches (z.B. Präsenz zu Pausenzeiten), den Standort des Beratungsbüros (schulintern bzw. in unmittelbarer Nähe) oder den Campus (z.B. Berufsfachschule mit mehreren Schulhäusern).

Wirkung

Drei Viertel der Personen, die eine Beratung in Anspruch nehmen, besuchen eine oder zwei Sitzungen (eine Sitzung: 57%; zwei Sitzungen: 17%; drei Sitzungen 8%), 10% besuchen vier bis sechs Sitzungen. Das Angebot wird von den Befragten als wirksam eingeschätzt und es stösst auf eine breite Akzeptanz bei den beteiligten Lehr- und Leitungspersonen sowie bei den Beratenen selbst. Die Ratsuchenden sind insgesamt zufrieden bis sehr zufrieden mit dem Beratungsverlauf. Es wird rückgemeldet, dass Probleme während der Begleitung abnehmen und schwierige Situationen mithilfe von kabel überwiegend geklärt werden können. Begleitungen (längerfristige Beratungen) werden von den Beratenen als wirksamer eingeschätzt (M=4.6) als einzelne Beratungssitzungen (M=4.0), obwohl auch diese überwiegend zu einer Besserung der Situation führen. Nennenswert ist, dass sich die Situation für einige Personen nur teilweise (7%), eher nicht (9%) oder überhaupt nicht (3%) geklärt hat. Die mehrheitlich positiven Einschätzungen zur Wirksamkeit werden von den Coaches geteilt, wenn auch in geringerem Ausmass. Erfreulich ist die annähernd maximale Zustimmung von rund 800 Beratenen zur Frage, ob sie das Angebot von kabel weiterempfehlen würden (M=4.9; 5-stufige Likert-Skala).

Klientel

Die Rat- und Hilfesuchenden sind mehrheitlich Lernende der Berufsfachschulen (60%). Es gibt auch schulexterne Lernende (31%), Eltern (3%) oder Lehrpersonen (2%), die sich beraten lassen. Eher selten nehmen Berufsbildende und Fachpersonen kabel in Anspruch (je 1%).

Die Mehrheit der Beratungen findet im ersten oder zweiten Lehrjahr statt (83%) (n=928), und rund 90% der beratenen Jugendlichen absolvieren eine drei- oder vierjährige Grundbildung (EFZ). Das Angebot wird von etwas weniger männlichen (46%) als weiblichen Lernenden in Anspruch genommen. Rund drei Viertel der Beratenen sind zwischen 17 und 20 Jahre alt (je 13% 15- bis 16-Jährige bzw. 21- bis 24-Jährige; Min.=15 Jahre, Max.= älter als 40 Jahre).

Im Vergleich mit den aktuellen bildungsstatistischen Daten des Kantons Zürich sind Lernende der Sek. A in der Kohorte stark untervertreten, Lernende der Sek. B hingegen stark übervertreten.

Rund 90% der Personen in Beratung haben eine Sekundarschule besucht, davon 51% eine Sek. B, 26% eine Sek. A und 12% eine Sek. C. Im Vergleich mit den aktuellen bildungsstatistischen Daten des Kantons Zürich (www.bista.zh.ch) sind Lernende der Sek. A in der Kohorte stark untervertreten (Bista 2021: 49.6%), Lernende der Sek. B hingegen stark übervertreten (Bista 2021: 34%), Lernende der Sek. C ebenfalls (Bista 2021: 5%). 53% der beratenen Personen (n=565) kamen nach einer Zwischenlösung in die Berufsbildung (Praktikum, Lehrabbruch, Berufsvorbereitungsjahr, Motivationssemester, Sonstige) und in 54% der Fälle sind neben kabel weitere Fachstellen in die Beratungsarbeit involviert.

Die beratenen Personen sind zu rund 70% Schweizerinnen und Schweizer, 16% haben eine Niederlassungsbewilligung C, 11% eine Aufenthaltsbewilligung B und 4% sind vorläufig aufgenommen (Status F). Die Beratenen (N=1065) sprechen mehr als 17 Erstsprachen, davon die Mehrheit Deutsch (55%). Dieses Verhältnis entspricht dem kantonalen Durchschnitt der Verteilung der gesprochenen Erstsprachen in der Volksschule.

Beratungsanlässe

60% der Beratungsanlässe sind berufsbezogen (Lehrvertragsauflösungen, Konflikte im Betrieb oder mit Vorgesetzten, Über-/Unterforderung, Berufswahl oder drohender Lehrstellenverlust) und 15% schulbezogen. Im Zentrum der schulbezogenen Beratungsanlässe stehen Belastungen im Zusammenhang mit Konzentrationsproblemen, Lernschwierigkeiten und Prüfungsangst sowie Motivationsschwierigkeiten (Über-/Unterforderung). Weitere 15% der Beratungsanlässe betreffen private und familiäre Anlässe (Konflikte in der Familie und im näheren Umfeld, finanzielle Schwierigkeiten, Wohnsituation). 10% der Belastungen sind gesundheitsbezogen (gesundheitliche Probleme, psychischen Belastungen, körperliche Beschwerden, Teilleistungsschwächen).

Die Klientinnen und Klienten an den Schulen unterscheiden sich bedingt durch die Ausbildungsberufe vor allem hinsichtlich ihres Geschlechts. In Wetzikon und Dietikon werden mehrheitlich männliche Lernende beraten, in Winterthur weibliche. Die Analyse verweist auf unterschiedliche Belastungsprofile an den Schulen und entsprechend unterschiedliche Beratungsformate (z.B. längerfristige Begleitungen). Männliche Beratene berichten insgesamt von stärkeren Belastungen als weibliche. Genannte Gründe sind mitunter Lehrvertragsauflösungen und damit einhergehende körperliche Belastungswahrnehmungen. Identifiziert wurden Fälle mit Mehrfachbelastungen, die oft im Zusammenhang mit familiären Konflikten stehen sowie mit Herausforderungen bedingt durch sprachliche und sozio-kulturelle Voraussetzungen. Überdurchschnittlich viele Jugendliche der Kohorte besuchten bereits eine Zwischenlösung und berichten über Diagnosen im Bereich von psychischen Beeinträchtigungen und Entwicklungsstörungen. Die Coaches verweisen in diversen Fällen auf die Notwendigkeit weiterer Abklärungen.

Zusammenfassende Einschätzung der Projektleistungen und Ausblick

In der Kohorte übervertreten sind Jugendliche aus Zwischenlösungen. Es wird vermutet, dass Brückenangebote und Praktika die berufliche Integration zielführend unterstützen und komplexe Problemsituationen im Übergang Schule Beruf abfedern, Probleme auf persönlicher oder familiärer Ebene werden hingegen nicht hinreichend bearbeitet.

Bemerkenswert ist, dass sich «kabel an Berufsfachschulen» bereits im ersten Projektjahr an den Standorten etablieren konnte. Zur weiteren Profilierung des Beratungsangebots an den Schulen gehört eine geregelte Zusammenarbeit mit der Schulleitung und die Abstimmung des Beratungsangebots mit den Bildungsangeboten der Schule, um Synergien zu nutzen. Zwischen kabel und den Schulen mussten die Anforderungen an den Datenschutz geklärt sowie das Vorgehen beim fallbezogenen Informationsaustausch vereinbart werden. In einem Fall ist das Beratungsbüro schulextern, jedoch in unmittelbarer Nähe, in zwei Fällen gehören verschiedene Schulhäuser zur Berufsfachschule. Diese Voraussetzungen machen bestimmte Vorkehrungen notwendig, um die Niederschwelligkeit der Beratung zu gewährleisten (z.B. Massnahmen der Bewerbung, Arbeitszeiten und Pensum der Coaches, Zusammenarbeit mit Lehrpersonen).

Die Beratungsleistungen stossen bei den Beteiligten auf eine breite Akzeptanz und werden als wirksam wahrgenommen. Es hat sich an allen Standorten eine Angebot-Nachfrage-Dynamik etabliert, die auf einen vergleichbaren Beratungsbedarf von weiblichen und männlichen Lernenden hinweist. Die differenzierten Analysen zur Beratungspraxis (vgl. Zwischenbericht) verdeutlichen vielfältige Herausforderungen, denen Jugendliche vor allem in den ersten zwei Ausbildungsjahren begegnen. Diese Situation erfordert seitens der Coaches ein breites Wissen und ein professionelles Beratungsrepertoire sowie ein Netzwerk weiterer Fachstellen für die Triage.

Das Ausmass der berichteten Belastungen und die Hinweise auf Massnahmenkarrieren haben das Evaluationsteam überrascht. Unerwartet stark verbreitet sind Mehrfachbelastungen, v.a. auch bei männlichen Lernenden. In der Kohorte übervertreten sind Jugendliche aus Zwischenlösungen. Es wird vermutet, dass Brückenangebote und Praktika die berufliche Integration zielführend unterstützen und komplexe Problemsituationen im Übergang Schule Beruf abfedern, Probleme auf persönlicher oder familiärer Ebene werden hingegen nicht hinreichend bearbeitet. Aus diesen Befunden leiten sich weiterführende Fragen ab, die über das Projekt «kabel an Berufsfachschulen» hinausgehen; sie stärken dennoch den Stellenwert von kabel an Berufsfachschulen als «Beratung vor Ort», denn es besteht ein ausgewiesener Beratungsbedarf. Die Analyse verdeutlicht zusätzlich den Bedarf eines kontinuierlichen, fallbezogenen Case-Managements, das von Fachpersonen/-stellen begleitet wird. Aufgrund der verbreiteten selbstdeklarierten psychischen und körperlichen Belastungen der Jugendlichen, die mit berufsbezogenen Schwierigkeiten einhergehen, drängt sich die Frage nach einer verstärkten interinstitutionellen Zusammenarbeit auf (vgl. IIZ im Kanton Zürich: Das Netzwerk umfasst die RAV, Sozialhilfe, IV-Stelle und Berufsberatung). Niederschwellige Beratungsangebote an Berufsfachschulen wie kabel können aus Sicht der Evaluation einen wichtigen Beitrag zur Prävention sowie zur Ausbildungsbegleitung und Triage leisten.

[1] GBW Wetzikon: Bauberufe, Holzberufe, Gärtner, Autoberufe, Elektroberufe (2500 SuS). BFS Winterthur: Gesundheitsberufe (FaBe, Dentalassistentin), Detailhandel, Fachperson Betreuung (4000 SuS). BZZ Horgen: Detailhandel, Kaufmännische Lehre, Informatik/Mediamatik, Fachperson Betreuung, Technik (1400 SuS). BZLT Dietikon: Maschinenbau, Logistik, Recycling (1160 SuS).

Literatur

Flick, U. (2008). Triangulation: Eine Einführung (2nd ed.). Qualitative Sozialforschung: Bd. 12. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden.

Klawe, W. (2006). Multiperspektivische Evaluationsforschung als Prozess – Wirkungsrekonstruktion aus Sicht der Beteiligten. In Projekt eXe (Ed.), Wirkungsevaluation in der Kinder- und Jugendhilfe: Einblicke in die Evaluationspraxis. (pp. 125–142). München: Deutsches Jugendinstitut.

Mayring, P. (2007). Mixing Qualitative and Quantitative Methods. In P. Mayring, G. L. Huber, L. Gürtler, & M. Kiegelmann (Eds.), Mixed Methodology in Psychological Research (pp. 27–36). Rotterdam: Sense Publishers.

Zitiervorschlag

Silvia Pool Maag, 2022: Jugendliche brauchen niederschwellige Beratung: Evaluationsforschung zum Projekt «kabel an Berufsfachschulen im Kanton Zürich». Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (2/2022), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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