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Das Modell der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI) in der Praxis 3/2022

Narrative Ansätze in Beratung und Coaching

Bilder lösen unterschiedliche Assoziationen aus; ein Baum im Herbst lässt die einen an den Winter denken, während andere dankbar an den Sommer denken. In der Laufbahnberatung sind solche Bilder wichtig. Man kann sie nutzen, um Geschichten zu erzählen. Genau dies tut die Laufbahnberatung, wenn sie sich narrativer Methoden wie des Career Construction Interviews, der Entwicklungslinie oder des Ressourcenbildes bedient. Der vorliegende Beitrag arbeitet den theoretischen Hintergrund dieser Methoden auf und zeigt ein Beispiel eines konkreten Verfahrens. Seine Basis bildet ein Fachbuch, das im Dezember erscheinen wird.

Marc Schreiber

Prof. Dr. Marc Schreiber ist Berater und Dozent am IAP Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Mit Hilfe des MPI kann aufgezeigt werden, wie Menschen ihre Persönlichkeit sowie ihre Identität konstruieren, beispielsweise bei der beruflichen Laufbahnentwicklung.

In Beratung und Coaching hat die Biografiearbeit einen hohen Stellenwert. Diese beinhaltet eine umfassende Auseinandersetzung mit der (beruflichen) Vergangenheit der Klientinnen und Klienten, verbunden mit dem Ziel, die (berufliche) Lebensgeschichte weiterzuschreiben und für die Umsetzung der neu verfassten Geschichte konkrete Schritte in die Wege zu leiten.

Biografiearbeit kann in Beratung und Coaching klassisch entweder anhand des tabellarischen Lebenslaufs und mit Fragen zu den jeweiligen Übergängen oder anhand der «wiederentdeckten» und dem Zeitgeist entsprechenden narrativen Methoden angegangen werden. Im Buch «Narrative Ansätze in Beratung und Coaching: Das Modell der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI) in der Praxis» (erscheint im Dezember) versuche ich, den theoretischen Hintergrund der narrativen Methoden aufzuarbeiten und diese in den gesellschaftlichen Zeitgeist einzubetten. Der erste Teil des Buches mündet in eine Beschreibung des Modells der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI) sowie einer Beratungsarchitektur für die Anwendung des Modells in Beratung und Coaching. Das MPI ist ein umfassendes psychologisches Modell, welches aktuelle Theorien aus der Persönlichkeits- (Bischof, 1993; Kuhl, 2018; McAdams & Pals, 2006) und Laufbahnpsychologie (Savickas, 2020, 2019) integriert. Es eignet sich als Raster für das Beschreiben und Erklären menschlichen Erlebens und Verhaltens in verschiedenen Lebenskontexten. Im zweiten Teil des Buches stellen Kolleginnen und Kollegen aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum konkrete narrative Methoden vor, jeweils veranschaulicht mit einem Praxisbeispiel.

Modell der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI)

Mit Hilfe des MPI kann aufgezeigt werden, wie Menschen ihre Persönlichkeit sowie ihre Identität konstruieren, beispielsweise bei der beruflichen Laufbahnentwicklung. Das psychologische Modell kann auch auf die Unternehmenswelt (Schreiber, im Druck) sowie auf gesellschaftliche und politische Entscheidungsprozesse (Schreiber, 2022) bezogen werden; es liefert dann einen Reflexionsrahmen für die aktuellen ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen aus einer psychologischen Perspektive.

Primäres Ziel des MPI ist es, psychologische Inhalte (welche Inhalte sind für die Beschreibung der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion relevant?) und Prozesse (welche Prozesse können eine Erklärung für unterschiedliche Entwicklungen bei der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion liefern?) dahingehend zusammenzufassen, dass diese für eine erfolgreiche Adaptation in verschiedenen Lebenskontexten genutzt werden können und letztlich einem gelingenden Leben zuträglich sind.

Zentrale Basis des MPI bildet die erkenntnistheoretische Perspektive des sozialen Konstruktionismus. Demgemäss sind Erkenntnisse immer auf den sozialen Kontext sowie die Interaktion mit dem sozialen Kontext bezogen. Gergen und Gergen (2009, S. 10) erläutern diese Perspektive wie folgt:

Alles, was wir für real erachten, ist sozial konstruiert. Oder spannungsgeladener formuliert: Nichts ist real, solange Menschen nicht darin übereinstimmen, dass es real ist.

Für das MPI bedeutet dies, dass sowohl die Persönlichkeit einer Person als auch deren Identität – also die Frage, wie sich die Person in einen bestimmten sozialen Kontext (z.B. Arbeitswelt) einbettet – nicht als objektive Realitäten betrachtet werden. Vielmehr werden auch Persönlichkeit und Identität im sozialen Raum konstruiert, und beide Konzepte werden als Teil des sozialen Narrativs einer Person angesehen (siehe Abbildung 1, links). In einer Beratung geht es häufig gerade darum, Persönlichkeit (wer bin ich?) und Identität (wie möchte ich mich in meinen sozialen Kontext einbetten?) zu konstruieren und in der Folge verschiedene Vorgehensoptionen zu evaluieren und in die Wege zu leiten.

Obwohl das MPI wissenschaftliche Theorien integriert, die einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit folgen und die deshalb auch einer anderen erkenntnistheoretischen Perspektive entspringen, bedeutet die sozial-konstruktionistische Basis des MPI für die Praxis in Beratung und Coaching, dass die im Modell enthaltenen Inhalte und Prozesse ebenfalls sozial konstruiert sind; die Bedeutung einer Persönlichkeitseigenschaft oder eines Motives beispielsweise müsste im Beratungsprozess also zuerst einmal sinn- und bedeutungsvoll konkretisiert werden.

Abbildung 1: Grundstruktur des Modells der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI) nach Schreiber (im Druck)

Abbildung 1 zeigt auf der linken Seite die im MPI ausdifferenzierten Inhaltstheorien, die nach McAdams (2013) auf drei unterschiedlich komplexen Ebenen der Persönlichkeit angeordnet sind:

  • Auf der Ebene der autobiografischen AutorInnen suchen Individuen nach Kohärenz im sozialen Kontext. Man spricht dabei vom sozialen Narrativ, welches innerhalb der verschiedenen sozialen Kontexte immer wieder aktualisiert wird. Dabei sind die Konzepte Identität und Reflexivität zentral. Bei der Identität geht es wie bereits erwähnt um die Frage, wie sich eine Person in ihr soziales Umfeld einbettet; bei der Reflexivität geht es darum, wie sie in der Gegenwart auf die Vergangenheit blickt und daraus Schlüsse für die Zukunft zieht. Dabei werden auch die beiden «unteren» Ebenen der Persönlichkeit einbezogen.
    Das Wesen der autobiografischen Autorinnen und Autoren ist aufgrund der wiederkehrenden Aktualisierung optimal angepasst auf die Arbeitswelt des 21. Jahrhundert (Arbeiten 4.0), in der Mensch und Maschine verschmelzen und künstliche Intelligenz (KI) sowie cyber-physische Systeme den Arbeitsalltag durchdringen und zu einem raschen Wandel führen können.
  • Auf der Ebene der motivierten Agentinnen und Agenten versuchen Individuen ihre subjektiven Ziele zu erreichen. Dabei sind Kompetenzen der Adaptabilität an das soziale Umfeld sowie die Bedürfnisse und Motive einer Person zentral. Die Adaptabilitäts-Kompetenzen werden für eine erfolgreiche Zielerreichung im sozialen Kontext benötigt, die Bedürfnisse und Motive beeinflussen die Auswahl der Ziele.
    Das Wesen der motivierten Agentinnen und Agenten ist optimal angepasst auf die Arbeitswelt Mitte des 20. Jahrhundert (Arbeiten 3.0), in welcher die Elektronik zu Digitalisierung und Globalisierung führte und in welcher sich das Wirtschaftswachstum kontinuierlich nach oben entwickelte.
  • Die Ebene der sozialen Akteurinnen und Akteure bezieht sich auf objektive «Fakten» über die Individuen sowie deren soziale Umwelt (z. B. Anforderungen an eine Arbeitsstelle). Die vermeintlich objektiven «Fakten» werden als stabil betrachtet und als Grundlage für eine Person-Umwelt-Passung verwendet. Der Fokus wird dabei auf Persönlichkeitseigenschaften (sowie Charakterstärken, Tugenden) und Werte sowie auf die für das Individuum relevante soziale Umwelt (z.B. Arbeitswelt) gelegt.
    Das Wesen der sozialen Akteurinnen und Akteure ist optimal angepasst auf die Arbeitswelt zu Beginn des 20. Jahrhundert (Arbeiten 2.0), in welcher Elektrizität zu Fliessbandarbeit und Massenproduktion geführt hat und in der Arbeitswelt eher Stabilität vorgeherrscht hat.

Die drei Ebenen beinhalten die für die Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion relevanten psychologischen Inhaltstheorien, die als Raster für Beratungs- und Coachingprozesse verwendet werden können. Während die Inhaltstheorien auf die relevanten Konzepte hinweisen, zeigen die Prozesstheorien auf, wie sich Persönlichkeiten und Identitäten entwickeln können.

Abbildung 1 zeigt auf der rechten Seite die psychologischen Prozesstheorien des MPI, die von der Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie; 2010, 2018) übernommen werden. Es handelt sich dabei um die Prozesse Selbstwachstum (wie entwickle ich mich selbst weiter?) und Zielumsetzung (wie setze ich meine Ziele um?). Die PSI-Theorie ist eine persönlichkeitspsychologische Theorie, die das menschliche «Funktionieren» in konkreten Alltagssituationen abbildet und die sich deshalb sehr gut für praktische Kontexte wie Beratung und Coaching eignet. Die beiden Prozesse Zielumsetzung und Selbstwachstum sind entlang der vier Phasen kreativer Selbstregulation nach Quirin et al. (2020) angeordnet:

  1. Zielselektion
  2. Planung
  3. Handlung
  4. Evaluation

Während sich die Zielumsetzung mit den beiden Phasen der Planung sowie der Handlung auf das Verhalten bezieht und der motorischen Aktivierung (Motorik) dient, bezieht sich das Selbstwachstum mit den beiden Phasen der Zielselektion sowie der Evaluation auf das Erleben und die sensorische Erregung (Sensorik). Erleben und Verhalten – die beiden zentralen Aspekte psychologischer Theoriebildung – werden also gleichermassen berücksichtigt. Ausgerichtet auf das Leitmotiv einer erfolgreichen Adaptation an das soziale Umfeld sowie ein gelingendes Leben werden die vier Phasen kontinuierlich durchlaufen.

Regelmässig innehalten

Praxisbeispiel narratives Verfahren Ressourcenbilder (das Arbeitsmittel ist im Internet frei verfügbar)

Aus einer Serie von 80 Bildern wählt ein Klient dieses Bild als sein persönliches Favoritenbild aus. Dazu verfasst er die folgende Geschichte.

Es ist Frühling und ich spaziere durch die wunderschöne Natur. Die Sonne scheint warm, die Luft summt von Insekten und Vögel zwitschern. Die Blumen leuchten gelb im grünen Gras und der Fluss fliesst ruhig vor sich hin. Einige Enten schwimmen zu zweit auf dem Wasser. Das «Bänkli» lädt mich zum Verweilen ein. Gerade noch in Gedanken über meine alltäglichen Herausforderungen versunken, holt mich dieser Blick ins Hier und Jetzt. Meine Sinne sind geschärft und ich fühle mich eins mit der Umwelt. Dabei macht sich Aufbruchstimmung breit, aber ich geniesse den Blick und die Ruhe noch eine Weile, bevor ich mich wieder auf den Weg mache. Was erwartet mich wohl nach der nächsten Kurve?

In der Beratung geht es darum, Assoziationen zum Bild und zur Geschichte zu reflektieren und zu überlegen, ob der Klient – mit Blick auf die Fragestellung in der Beratung – aus der Geschichte oder dem Bild wichtige Erkenntnisse ableiten kann: Der Klient hält für sich die Erkenntnis fest, dass er in sein Leben mehr Ruhephasen einbauen möchte, um seine Sinne für das Relevante zu schärfen. Es geht ihm vor allem darum, Beruf und Familienleben ausgeglichener zu gestalten und nicht wie bisher seine gesamte Energie in die Arbeit zu stecken. Es ist für ihn aber auch klar, dass er sich weiterhin auf spannende berufliche Herausforderungen einlassen möchte – diese geben ihm nämlich auch viel Energie. Zentral für ihn ist, dass er Situationen wie die oben beschriebene in seinen Alltag einbaut: Er möchte künftig regelmässig innehalten und seine Sinne schärfen, bevor er sich wieder auf die nächste berufliche Herausforderung einlässt. Diese Erkenntnis wird durch das Bild verankert.

Zusammenfassung

Viele Klientinnen und Klienten nehmen eine Beratung oder ein Coaching in Anspruch, weil sie bei der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion anstehen und auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit sowie eines gelingenden Lebens herausgefordert sind. Das «Modell der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion» (MPI) integriert aktuelle Theorien aus der Persönlichkeits- und Laufbahnpsychologie und liefert eine Grundlage für die Anwendung von narrativen Methoden wie dem Career Construction Interview, der Entwicklungslinie oder dem Ressourcenbild. Dabei steht im Vordergrund, Klientinnen und Klienten als einzigartige Individuen in einer einzigartigen Umwelt zu betrachten sie bei der Konstruktion ihrer sozialen Narrative zu unterstützen.

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Quellen

  • Bischof, N. (1993). Untersuchungen zur Systemanalyse der sozialen Motivation I: Die Regulation der sozialen Distanz – Von der Feldtheorie zur Systemtheorie. Zeitschrift Für Psychologie, 201, 5–43.
  • Gergen, K. J., & Gergen, M. (2009). Einführung in den sozialen Konstruktionismus. Carl Auer.
  • Kuhl, J. (2010). Lehrbuch der Persönlichkeitspsychologie. Hogrefe.
  • Kuhl, J. (2018). Individuelle Unterschiede in der Selbststeuerung. In J. Heckhausen & H. Heckhausen (Eds.), Motivation und Handeln (pp. 389–422).
  • McAdams, D. P. (2013). The psychological self as actor, agent, and author. Perspectives on Psychological Science, 8(3), 272–295.
  • McAdams, D. P., & Pals, J. L. (2006). A new Big Five: fundamental principles for an integrative science of personality. The American Psychologist, 61(3), 204–217.
  • Quirin, M., Robinson, M. D., Rauthmann, J. F., Kuhl, J., Read, S. J., Tops, M., & DeYoung, C. G. (2020). The dynamics of personality approach (DPA): 20 tenets for uncovering the causal mechanisms of personality. European Journal of Personality, 34(6), 947–968.
  • Savickas, M. L. (2020). Career construction theory and counseling model. In S. D. Brown & R. W. Lent (Eds.), Career development and counseling: Putting theory and research to work. (3rd ed., pp. 165–200). Wiley & Sons.
  • Savickas, Mark. L. (2019). Career construction theory. Life portraits of attachment, adaptability, and identity. Mark L. Savickas.
  • Schreiber, M. (2022). Gesellschaftliche Narrative als Auslöser persönlicher Krisen? Eine Auslegeordnung anhand des Modells der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI). Dvb Forum, 2, 4–13.
  • Schreiber, M. (Hrsg.). (im Druck). Narrative Ansätze in Beratung und Coaching. Das Modell der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI) in der Praxis. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.
  • Schreiber, M. (im Druck). Interne Laufbahnentwicklung. In B. Werkmann-Karcher & T. Zbinden (Hrsg.), Angewandte Personalpsychologie für das Human Resource Management. Springer.
Zitiervorschlag

Marc Schreiber, 2022: Narrative Ansätze in Beratung und Coaching: Das Modell der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI) in der Praxis. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (3/2022), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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