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«Mehrfachproblematiken» erfordern Kooperationen 1/2023

Übergangssystem stösst an Grenzen

Junge Menschen, denen «Mehrfachproblematiken» attestiert werden, haben oft keine eigenen Ressourcen oder informelle Hilfen aus dem sozialen Umfeld zur Bewältigung ihrer Probleme. Gleichzeitig sind auch die Berufsbildung und die Angebote des Übergangssystems häufig überfordert, wenn es um bedarfsorientierte Unterstützung geht. Dies zeigt eine Studie im Auftrag der Nationalen Plattform gegen Armut. Zu unübersichtlich ist die Struktur der verschiedenen Akteure, zu oft zielen diese Systeme auf eine einseitige Zielsetzung wie die Berufsintegration, auf der Strecke bleibt die soziale Integration. Die Studie macht deutlich, dass zur Umsetzung der Grundsätze einer «bedarfsorientierten Unterstützung» und «Koordination von Hilfen» Entwicklungen auf mindestens drei Systemebenen nötig sind: der strategischen Ebene, der Ebene der Fallführung und der Ebene der Fallbegleitung. Das Genfer Modellprojekt «Cité des Métiers» zeigt mögliche Ansatzpunkte.

Dorothee Schaffner

Prof. Dr. Dorothee Schaffner ist Dozentin am Institut Kinder- und Jugendhilfe der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW im Schwerpunktbereich «Übergänge von Jugendlichen in die Erwerbsarbeit und selbständige Lebensführung».

Heidi Hirschfeld

Dr. Heidi Hirschfeld ist wissenschaftilche Mitarbeiterin am Institut Kinder- und Jugendhilfe, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Ihre Dissertation trug den Titel «(Ohn-)Macht der Hilfe im Übergang. Relevanz sozialpädagogischer Hilfe für die Herstellung und Gestaltung von Übergängen im Kontext ungleicher Bildungschancen».

Lalitha Chamakalayil

Lalitha Chamakalayil ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Kinder- und Jugendhilfe, Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Sie ist Co-Leiterin des CAS «Von der Schule zum Beruf» (gemeinsam mit Erich Steiner, PH FHNW).

«Ich hatte niemanden der mir half.» – «Ich habe einfach kein Fundament gehabt, und dann häufen sich die Probleme.» – «Wenn Probleme erst einmal da sind, kommen schnell neue Probleme dazu.»

Das gemeinsam festgelegte bildungspolitische Ziel von Bund und Kantonen[1] sieht vor, dass 95% der Jugendlichen bis zum Alter von 25 Jahren über eine nachobligatorische Ausbildung verfügen. Damit verbunden ist die Erwartung, dass eine Ausbildung gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht und Risiken von Armut und sozialem Ausschluss vermindert werden. Dieses Ziel wird im Schnitt von 90,9 % aller Jugendlichen erreicht, wobei die Zahl je nach Geschlecht, Nationalität oder Landesregion stark variiert (BFS 2019). Diese hohe Abschlussquote ist unter anderem möglich, da sich einerseits der Wettbewerb um Ausbildungsplätze aktuell entspannt hat. Andererseits hat sich parallel zum Berufsbildungssystem ein System vielfältiger Unterstützungsangebote etabliert – das sogenannte Übergangssystem. Brückenangebote, Motivationssemester, das Case Management Berufsbildung, Coaching, Supported Education etc. ergänzen Regelangebote wie die Berufsorientierung im Rahmen der Volksschule oder die Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. Diese Angebote zielen darauf, die berufliche und soziale Integration und Chancengleichheit junger Menschen zu fördern.

Eine aktuelle Studie im Auftrag der Nationalen Plattform gegen Armut zeigt allerdings, dass sowohl das Berufsbildungs- als auch das Übergangssystem bei jungen Menschen mit sogenannten «Mehrfachproblematiken» an Grenzen stösst (Schaffner, Heeg, Chamakalayil & Schmid 2022a). Diese zeigen sich insbesondere darin, dass die involvierten Systeme – aus den Bereichen Bildung, Sozialversicherungen, Gesundheit und Migration – aufgrund ihrer Struktur und Ausrichtung nicht ausreichend in der Lage sind, bedarfsorientiert auf die spezifischen Herausforderungen der jungen Menschen zu reagieren. Hier stehen das Berufsbildungs- und das Übergangssystem in der Mitverantwortung, strukturelle und individuelle Benachteiligungen abzubauen und am Ziel der Chancengleichheit zu arbeiten.

Zur Studie

Im Fokus der Studie stand die Frage, wie junge Menschen mit komplexen Problemlagen auf dem Weg in Ausbildung und Erwerbsarbeit besser begleitet werden können. Im Forschungsdesign wurde angestrebt, die unterschiedlichen Perspektiven aller Involvierten einzubeziehen und diese mit dem aktuellen Forschungsdiskurs zu verknüpfen. Entsprechend wurden zur Ermittlung der Herausforderungen und Bedarfe der Zielgruppe sowohl eine Literaturrecherche zu spezifischen Zielgruppen von jungen Menschen als auch Gruppendiskussionen mit jungen Menschen durchgeführt. Um zu erfahren, wo Fachpersonen bei komplexen Fällen an Grenzen stossen und wo sie Bedarfe für Entwicklungen im Übergangssystem sehen, wurden sprachregionale Workshops durchgeführt. Um weitere Anhaltspunkte für künftige Entwicklungen im System zu erhalten, wurden auf Basis einer Good Practice Recherche Beispiele aus Genf und Basel-Stadt ausgewählt und Erfolgsfaktoren herausgearbeitet.

Junge Menschen mit komplexen Problemlagen und was sie brauchen

«Es kommt dann der Tag, wo man mit riesigen Bergen von Administration beworfen wird.» – «Mir ist es psychisch auch nicht gut gegangen, ja, und dann kommt da dieser ganze Stress wegen dem Geld, und dann habe ich gedacht, nee, ich melde mich nicht an.»

Der Begriff «Mehrfachproblematiken» wird in Fachpublikationen und in der Praxis meist als Sammelbegriff verwendet. Begriffe wie «komplexe Problemlagen», «Mehrfachbelastungen» und «prekäre Problemlagen» können als Synonyme verstanden werden. Fachpersonen nutzen den Begriff als Umschreibung dafür, dass junge Menschen mit Herausforderungen in verschiedenen Lebensbereichen konfrontiert werden, die sich meist dynamisch entwickeln. Die Ursachen der Probleme sind vielfältig. Sie können bei den jungen Menschen selbst oder ihrer Familie liegen, ihren Ursprung im mangelhaften Zugang zu Freizeitaktivitäten oder in Schwierigkeiten mit der Peergroup haben oder in der Schule, in Zwischenlösungen, Berufsschulen, Ausbildungsbetrieben oder durch ungeeignete Beratung oder Begleitung in Unterstützungsangeboten entstehen. Nicht zuletzt tragen auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen zu Problemen bei (z.B. ungenügendes Ausbildungsangebot, kein Zugang aufgrund des Aufenthaltsstatus).

Die Ergebnisse zur Befragung von jungen Menschen zeigen, dass ihnen bei «Mehrfachproblematiken» eigene Ressourcen oder informelle Hilfen aus dem sozialen Umfeld fehlen. Die Betroffenen benötigen in der Regel Unterstützung in verschiedenen Bereichen – und entsprechend von verschiedenen Institutionen. Doch obwohl vielfältige Hilfen bestehen, fällt ihnen der Zugang schwer. Sie können sich im Angebotsdschungel kaum zurechtfinden und scheitern – aus ihrer Perspektive – an unbewältigbaren administrativen Vorgaben oder der mangelnden Koordination von Hilfen. Und wenn sie Hilfen bekommen, erleben sie diese oft als zu einseitig auf ein Problem fokussiert, während sie für andere Probleme an andere Stellen verwiesen werden. Junge Menschen wünschen sich eine niederschwellige, bedarfsorientierte Begleitung und Unterstützung bei der Koordination von Hilfen und der Bewältigung von administrativen Anforderungen.

«Mehrfachproblematiken» im Berufsbildungs- und Übergangssystem?

Auch aus Sicht der Fachpersonen wird als zentral thematisiert, dass die Hilfen der Bereiche Berufsbildung, Sozialversicherungen, Gesundheit oder Migration auf einen bestimmten Leistungsanspruch ausgerichtet sind, z.B. Hilfen bei Ausbildungslosigkeit, Arbeitslosigkeit, Invalidität, gesundheitlichen oder finanziellen Schwierigkeiten. Sind verschiedene Hilfen nötig, kommen die zuständigen fallführenden Stellen an Grenzen.

«Die Rahmenbedingungen und der Fokus auf die Berufsbildung sind bei komplexen Fällen zu eng, es lässt nicht zu, was nötig wäre. …» – «Ein strenges beratungstechnisches Vorgehen im Case Management ist oftmals nicht angebracht.»

Dies gilt auch für die spezialisierten Angebote der Fallbegleitung, mit denen diese Stellen zusammenarbeiten. So führen institutionelle Rahmenbedingungen in Brückenangeboten, Motivationssemestern, Berufsintegrationsangeboten der IV oder der Sozialhilfe zu Begrenzungen bei der Abklärung, den Zielsetzungen und der zeitlichen und inhaltlichen Ausgestaltung. Meist liegt der Fokus (zu) eng auf der Berufsintegration. Zudem beurteilen die Fachpersonen den Zugang zu Hilfen ähnlich wie die Jugendlichen als unübersichtlich und unflexibel. Aus ihrer Sicht ist ferner die interinstitutionelle Zusammenarbeit vielerorts noch wenig systematisch geregelt und daher von einzelnen Personen abhängig. Dies alles trägt dazu bei, dass Jugendliche mit erhöhtem Unterstützungsbedarf nicht die nötigen bedarfsorientierten Hilfen bekommen. Trotz vielfältiger Hilfen trägt dies zu «Risikoselektion» und «Verschiebebahnhöfen» bei und führt zu weiterem Ausschluss statt zu Integration.

Zwei fachliche Grundsätze als gemeinsame Orientierung

Basierend auf den Ergebnissen sind für eine erfolgsversprechende Unterstützung von jungen Menschen mit «Mehrfachproblematiken» insbesondere zwei übergreifende Grundsätze zentral. Erstens erfordert eine bedarfs- und jugendgerechte Beratung/Begleitung eine fundierte Abklärung und Hilfeplanung unter Berücksichtigung aller relevanten Probleme in den unterschiedlichen Lebensbereichen. Zweitens ist die fallspezifische Koordination von Hilfen über institutionelle Zuständigkeiten zentral; hierfür muss die interinstitutionelle Zusammenarbeit im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten geregelt sein.

Tabelle 1: Erfolgsfaktoren kantonaler Übergangssysteme

Die Studie zeigt, dass zur Umsetzung der Grundsätze «Bedarfsorientierte Unterstützung» und «Koordination von Hilfen» Entwicklungen auf mindestens drei Systemebenen nötig sind: der strategischen Ebene, der Ebene der Fallführung und die der Fallbegleitung. Für jede dieser Ebenen wurden auf der Basis der Ergebnisse Erfolgsfaktoren herausgearbeitet, die folgender Tabelle zu entnehmen sind.

Der auf der Studie basierende Leitfaden (Schaffner et. al. 2022b) beschreibt die Erfolgsfaktoren in kompakter Weise und bietet Anregungen zur Weiterentwicklung für jede relevante Ebene in den Kantonen, Städten und Gemeinden.

Good Practice am Beispiel der «Cité des Métiers» Genf

Das Beispiel der «Cité des Métiers» (CdM) Genf[2] zeigt, wie die interinstitutionelle Zusammenarbeit geregelt und ausgestaltet werden kann, um bedarfsorientierte Unterstützung für junge Menschen zu ermöglichen. Hier werden insbesondere die Erfolgsfaktoren EF 2-6 (vgl. Tabelle 1) sichtbar. Die CdM stellt ein interinstitutionelles Beratungs- und Informations­zentrum zu Fragen der Berufsfin­dung oder Arbeitsplatzsuche dar. Kooperationspartner sind das Berufsbildungsamt, das kantonale Arbeitsamt sowie die Sozialhilfe. Die CdM arbeitet nach den Grundsätzen des internationalen Netzwerks der «Cité des Métiers» (EF 2, 3). Die Netzwerkpartner der CdM verpflichten sich, die Qualität der Projektstruktur sicherzustel­len, sich auszutauschen und sich beim Aufbau sowie der Durchführung von Projekten zu unterstützen.

Abbildung 1: Cité des Métiers im Kanton Genf (Quelle: Schaffner et. Al. 2022b, S. 24)

Die CdM bildet die zentrale Eingangspforte für junge Menschen mit Unterstützungsbedarf. Sie übernimmt die Erstberatung und triagiert bedarfsgerecht an weitere Stellen, steht der gesamten Bevölkerung ohne Voranmeldung offen, ist kostenlos, anonym, freiwillig und niederschwellig zugänglich (EF 5).

Für junge Menschen stehen nach der Erstabklärung durch die CdM spezifische Angebote zur Verfügung. «Cap Formations» (CF) übernimmt das Case Management Berufsbildung (EF 4). «Tremplin Jeunes» unterstützt CF bei der Klärung der Gesamtproblematiken der jungen Menschen und erstellt einen Plan für ihre schulische und beruf­liche Ausbildung und deren Unterstützung. Besteht dieser Plan, übernimmt CF wieder die Fallbegleitung/-koordination. Junge Erwachsene, die vorerst keine Ausbildung beginnen können, werden von «Point Jeunes», einer Dienststelle des Genfer Sozialamtes, begleitet. Hier werden beispielsweise Notunterkünfte oder weitere Möglichkeiten der Finanzierung geprüft.

Folgende Erfolgsfaktoren wurden von den befragten Fachpersonen in Genf hervorgehoben:

  • Erstens bietet die Umsetzung nach den Grundsätzen des internationalen Modellprojekts «Cité des Métiers» Orientierung beim Aufbau der interinstitutionellen Zusammenarbeit.
  • Zweitens wird die interinstitutionelle Zusammenarbeit zwischen den Partnerdiensten der CdM und den assoziierten spezialisierten Angeboten geklärt.
  • Drittens wird die interinstitutionelle Zusammenarbeit gesteuert (Lead ist beim Berufsbildungsamt) und gepflegt, bspw. durch online Leitfaden mit relevanten Informationen, ausführliche Schulungen, Einblicke in Arbeitsweisen der Partnerdienste und regelmässigen Austauschtreffen unter den Partnerorganisationen.
  • Viertens wird die Organisation der Partnerdienste am gleichen Ort hervorgehoben. Fünftens wird die niederschwellige zentrale Anlaufstelle mit Triagefunktion als wichtig erachtet.

Fazit

Die Studie zeigt insgesamt, dass bei komplexem Hilfebedarf nicht allein die Qualität einer einzelnen Hilfe entscheidend ist, sondern insbesondere die sinnvolle Verknüpfung verschiedener Unterstützungsangebote und die Qualität der Zusammenarbeit. Diesen Anspruch verfolgt die «Cité des Métiers». Um dies zu gewährleisten, bieten die Empfehlungen dieser Studie Ansatzpunkte, um die kantonalen Übergangssysteme entlang der Erfolgsfaktoren zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

[1] Chancen optimal nutzen, Erklärung von EDK und WDF 2011; Übergang obligatorische Schule – Sekundarstufe II, (Commitment – Erklärung) 2015; Chancen optimal nutzen, Erklärung von EDK WDF 2019, alle abrufbar unter https://www.cdip.ch/de/dokumentation/rechtstexte-beschluesse/stellungnahmen [11.05.2022].

[2] 2020 wurde auch im Kanton Tessin eine Cità dei Mestieri implementiert.

Literatur

Zitiervorschlag

Dorothee Schaffner, Heidi Hirschfeld & Lalitha Chamakalayil, 2022: Übergangssystem stösst an Grenzen: «Mehrfachproblematiken» erfordern Kooperationen . Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (1/2023), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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