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Das Schweizer Uhrenhandwerk im Zeitalter der industriellen Fertigung 2/2021

Zwischen Marketing und Wirklichkeit

Der Uhrmacherberuf ist heute medial präsent wie nie zuvor. Die Weitergabe handwerklichen Wissens ist zu einem beliebten Marketingargument der Hersteller von «Swiss made»-Uhren geworden. Die Uhrmacherinnen und Uhrmacher selber aber haben das Gefühl, dass ihr Handwerk verschwinde. Warum dieser Widerspruch? Und inwiefern ist die Berufsbildung davon betroffen? Dieser Beitrag geht diesen Fragen nach. Er stützt sich auf eine fünfjährige ethnografische Forschung in der Welt der Schweizer Uhrenherstellung. Er macht deutlich, dass es gerade die häufige und übertrieben positive Darstellung des Uhrmacherhandwerks (unter anderem als «Kulturerbe») ist, die bei den Uhrmacherinnen und Uhrmachern das Gefühl steigert, ihr Handwerk sei vom Verschwinden bedroht.

Hervé Munz

Hervé Munz ist promovierter Anthropologe. Er arbeitet am Zentrum für ethnologische Forschung der Universität Neuchâtel und interessiert sich für das Schweizer Berufsbildungssystem, speziell die Auswirkungen der Digitalisierung. Hervé Munz leitet die französischsprachige Redaktion von Transfer.

«Den Beruf des Uhrmachers, den wir gelebt und geliebt haben, gibt es nicht mehr. So wie früher, basierend auf den Werten von damals, wird es ihn nie mehr geben. Unser Können ist nicht mehr gefragt!» So äusserte sich der etwa 70-jährige, selbstständige Uhrmacher Jean, Vorsitzender einer Westschweizer Vereinigung praktizierender Uhrmacherinnen und Uhrmacher, im Frühling 2013. Einige Monate später, am Ende meiner Untersuchungen[1], war deutlich geworden, in welchem Mass Jeans Verzweiflung von den Uhrmacherinnen und Uhrmachern, die ich in der Schweiz getroffen hatte, geteilt wird: Sie sehen ihr Wissen[2] in Gefahr und haben grosse Sorge, was die Weitergabe dieses Wissens betrifft.

Verkaufsschlager der Tourismusbranche

Aufgrund der Präzision der Werkzeugmaschinen und der uneingeschränkten Verfügbarkeit von Einzelteilen wurden handwerkliche Fertigkeiten obsolet.

Aber diese Verzweiflung ist eigentlich erstaunlich. Denn zum einen gibt es zahlreiche Strukturen und Massnahmen, die die formelle und informelle Weitergabe des Handwerks und das Erlernen verwandter Berufe sicherstellen. Zum anderen erfährt der Beruf eine noch nie dagewesene mediale Aufmerksamkeit. Uhrmacherinnen und Uhrmacher werden in der Werbung der Uhrenmarken dargestellt, sie sind an den Messeständen zu sehen, treten als Tourismusmagneten auf, ja sogar in der Werbung von Organisationen, die rein gar nichts mit Uhren zu tun haben, Banken beispielsweise. Auch die Akteurinnen und Organisationen der Uhrenbranche selber machen mit: Seit etwa dreissig Jahren sind dabei, wenn es darum geht, die Uhrmacherkunst als Kulturerbe zu «verkaufen». Museen beanspruchen dieses kulturelle Erbe, Städte, Regionen, die Politik, Tourismusverbände, Medien, Vereinigungen und allen voran die Uhrenmarken. Es werden firmeninterne Werkstätten zur Erhaltung des Kunsthandwerks eröffnet, in denen touristische Führungen stattfinden, Projekte zur Wahrung der sogenannten «traditionellen» Techniken initiiert und unterschiedliche Formen des Kunsthandwerks innerhalb der Unternehmen gefördert.

Wie also kann es sein, dass die Uhrmacherinnen und Uhrmacher den Eindruck haben, dass ihr Wissen verloren geht, wo sie doch noch nie so sichtbar waren? Um das zu verstehen, tauchte ich im Zuge meiner Recherche in die Welt der Schweizer Uhrenherstellung ein.[3] Im vorliegenden Artikel lege ich zwei Erkenntnisse dieser Arbeit dar, die besonders mit den Berufsfachschulen zu tun haben (Munz, 2016).

Der Uhrmacherberuf wird entprofessionalisiert

Die erste Erkenntnis ist, dass die Uhrmacherinnen und Uhrmacher, die ich getroffen habe (insbesondere jene mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis EFZ), den Eindruck haben, dass ihnen wenig Anerkennung entgegengebracht wird. Sie spüren, dass sie in ihrem Industriezweig überhöht dargestellt werden, während man doch gleichzeitig zunehmend auf ihre Kompetenzen verzichtet, auch bei der Herstellung von Produkten mit sehr hohem Wert (z.B. im Bereich der technisch hochkomplexen, mechanischen Luxusuhren). Der Grund: Im Laufe der letzten fünfundzwanzig Jahre hat sich die mechanische Uhrmacherei im High-end-Segment zu einer kleinteiligen, automatisierten Industrie entwickelt, in der die konventionellen Uhrmacherinnen und Uhrmacher nur noch eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Aufgrund der Präzision der Werkzeugmaschinen und der uneingeschränkten Verfügbarkeit von Einzelteilen wurden handwerkliche Fertigkeiten obsolet, die den Beruf ausmachen. Es handelt sich dabei um die «Kunst» der «manuellen Einpassung» der einzelnen Teile (Ausrichtung und Anordnung) und deren «mikromechanische Überarbeitung» (Abtragen von Material mithilfe manueller Werkzeuge oder konventioneller Maschinen) und nicht zuletzt die unterschiedlichen alten Techniken der Uhrenherstellung («Rhabillage»), die für viele Uhrmacherinnen und Uhrmacher das «Herzstück des Berufs» darstellen.

Der Beruf erfährt also eine Entprofessionalisierung. Die Entwicklung innerhalb der Industrie geht dahin, dass auf der einen Seite der Produktionskette Ingenieurinnen und Ingenieure und auf der anderen Seite Ausführende eingesetzt werden, wodurch das klassische Profil des qualifizierten Uhrmacherhandwerkers überflüssig wird. Das führt dazu, dass sich manche sagen: «Je mehr Uhren es gibt, desto weniger Uhrmacherinnen und Uhrmacher gibt es!» Entsprechend ernüchternd verläuft dann oft der Übertritt von der beruflichen Grundbildung ins Berufsleben. Viele junge Uhrmacherinnen und Uhrmacher sind unzufrieden, sobald sie ins Arbeitsleben einsteigen. Denn in der Praxis besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der beruflichen Grundbildung, die nach wie vor sehr umfassend und handwerklich ist, und der industriellen Fertigung. Glaubt man den Betroffenen, trägt das derzeitige Ausbildungssystem zur Enttäuschung der Uhrmacherinnen und Uhrmacher bei. Und diese Desillusionierung wird dadurch verstärkt, dass die Branche im Luxussegment mit dem Image des handwerklichen Berufs als Marketingargument spielt.

Die Marken überbieten einander förmlich, was die Weitergabe des traditionellen Wissens in der Uhrmacherei anbelangt; Fachleute sehen darin «inhaltsloses Marketing-Blabla» und «pure Heuchelei».

Darüber hinaus stellt auch der Wert, der dem Berufsabschluss beigemessen wird, ein Problem dar. Mit dem Eintritt in den Arbeitsmarkt stellen manche Uhrmacherinnen und Uhrmacher fest, dass ihr Zeugnis (insbesondere das EFZ) «nichts wert» ist, da es sie lediglich zur Fliessbandarbeit in einem nicht sehr interessanten und kaum sinnstiftenden Beruf befähigt (in dem zu einem guten Teil Arbeiterinnen und Arbeiter ohne Uhrmacherausbildung repetitive Tätigkeiten ausführen). Als einzige Perspektive bietet sich ihnen eine berufliche Weiterentwicklung an.

Die Rolle der Industrie in der Berufsbildung

Die zweite Erkenntnis ist, dass die Uhrmacherinnen und Uhrmacher finden, dass die allgegenwärtige verklärte Darstellung des Uhrmacherhandwerks «den Blick auf das verstellt, worum es eigentlich geht». Die einzelnen Marken überbieten einander förmlich, was die Weitergabe des traditionellen Wissens in der Uhrmacherei anbelangt; Fachleute sehen darin «inhaltsloses Marketing-Blabla» und «pure Heuchelei».

Denn in Wirklichkeit bilden die Uhrenhersteller relativ wenige Lehrlinge aus. Sie überlassen diese Aufgabe den öffentlichen Berufsfachschulen (nur etwa 45% der Uhrmacherlernenden werden in einem Unternehmen ausgebildet). Die Unternehmen machen sich für immer kürzere Grundausbildungen stark. Manchmal unterstützen sie die Streichung alter Techniken (die beispielsweise für das handwerkliche Schaffen nützlich, für die Industrie jedoch unnötig sind) aus den Lehrplänen der Berufsbildung. Und sie erschweren den unabhängigen Uhrmacherinnen und Uhrmachern den Zugang zu Einzelteilen (durch die Vertikalisierung und die ausschliessende Politik der Konzerne, zu denen die meisten dieser Firmen gehören). Sie entwickeln Uhrenkomponenten aus neuen Materialien, etwa Silizium, welche die Uhrmacherinnen und Uhrmacher nicht mehr herstellen oder reparieren können.

Genau darin liegt das Paradoxe an dem Ganzen: Während sich die Luxusindustrie an der «Tradition» berauscht, haben die Uhrmacherinnen und Uhrmacher längst das Gefühl, dass ihr Handwerk der Industrie völlig egal ist, ja dass sie ins Abseits gedrängt werden. Nun sind sie selber plötzlich zu einem «Luxusprodukt» geworden. Die Berufsbildenden in den Schulen und Unternehmen wiederum haben das Gefühl, «zwischen Stuhl und Bank» zu sitzen: Sie sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, entweder «zu viel» oder «nicht genügend» auszubilden (wie manche unabhängige Uhrmacher – ausschliesslich männliche – meinen, die eine in dieser Luxuswirtschaft sehr sichtbare und einflussreiche berufliche Elite ausbilden).

Zusammenfassung

Aufgrund der Automatisierung in den Luxussegmenten der Uhrenindustrie nehmen die Uhrmacherinnen und Uhrmacher (insbesondere jene mit einem Abschluss der beruflichen Grundbildung) eine Entprofessionalisierung ihres Berufs wahr. Diese kontrastiert mit dem in der Werbung vermittelten Bild des Uhrmacherhandwerks (unter anderem als «Kulturerbe»). Die Berufsbildenden kritisieren das System der Public-Private-Partnerships wie auch das Prinzip der dualen beruflichen Grundbildung, bei dem zwischen Schule und Unternehmen gewechselt wird; die Diskrepanz zwischen den Ausbildungsplänen und der Arbeitsrealität in den Unternehmen wird von zahlreichen Akteuren hervorgehoben; der wahrgenommene Wert des Berufsabschlusses stellt ein Problem dar. Der Übergang von der Grundbildung in das Berufsleben wird von den Jungen in der Praxis oft als schwierig erlebt; die jungen Menschen sehen sich unter Druck, ihre berufliche Entwicklung durch eine Höhere Berufsbildung fortzusetzen.

Die Entwicklung der Uhrmacherei wirft eine Reihe interessanter Fragen für das schweizerische Berufsbildungssystem auf. Denn trotz des guten Rufs dieses Systems in der Branche ist die berufliche Identität von Uhrmacherinnen und Uhrmacher in Frage gestellt; es besteht ein Gefälle zwischen der beruflichen Grundbildung und den in der Produktion tatsächlich erforderlichen Kompetenzen. Diese Kluft gilt es zu ebnen. Es wäre gut, wenn die Akteurinnen der Branche und Vertreter der Behörden sich zu einem erneuten Dialog über die Berufsbildung zusammenfänden.

[1] An der Schnittstelle der anthropologischen Wissens- und Technikforschung und des Cultural-Heritage-Studiums untersuchte ich fünf Jahre lang die Dynamiken der Vermittlung von beruflichem Wissen anhand von Beobachtungen in Fachschulen, Werkstätten, Fabriken und bei Veranstaltungen (Messen, Firmenführungen, Fachtagungen, Wettbewerben, Kulturerbetagen). Dabei führte ich dreihundert Gespräche mit Akteurinnen und Akteuren der Branche und konsultierte unterschiedliche Datenbestände und Dokumentensammlungen.

[2] In diesem Artikel werden die Begriffe «Wissen», «Können», «Kenntnisse», «Fertigkeiten» und «Know-how» als Synonyme verwendet. Ich vertrete die Meinung, dass die Gegenüberstellung von «praktischem Wissen» auf der einen Seite und «theoretischem Wissen» oder «beruflichem Können» bzw. «akademischem Wissen» auf der anderen Seite nicht zweckmässig für die Beschreibung der Vermittlung der Wissensformen in Zusammenhang mit beruflichen Tätigkeiten ist (Lave, 2008; Adell 2011; Rosselin 2017; Munz, 2020).

[3] Diese Arbeit entstand im Rahmen einer Forschung für eine Doktorarbeit in Anthropologie und war in zwei interdisziplinäre, vom SNF geförderte Projekte eingebunden («The Midas Touch?», Gesuchstellerin Prof. Ellen Hertz, FNCRSI11-127570/1 und «Intangible Cultural Heritage in Switzerland: Whispered Words», Gesuchstellerin Prof. Ellen Hertz, FNCRSI11-141927/1). Gegenstand war die Umsetzung der UNESCO-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes in der Schweiz.

Bibliographie

  • Adell, Nicolas, 2011. Anthropologie des savoirs, Paris : Armand Colin.
  • Lave, Jean, 2008. « “Fait sur mesure”. Les mathématiques dans la pratique quotidienne des tailleurs libériens ». Techniques et Culture 51, p.180-213.
  • Munz, Hervé, 2020. “Anthropology of knowledge transmission beyond dichotomies. Learning and subjectivation among watchmakers in Switzerland”. In: U. Mohan & L. Douny (Eds.), The Material Subject: Rethinking Bodies and Objects in Motion. London: Routledge, 169-199.
  • Munz, Hervé, 2016. La transmission en jeu. Apprendre, pratiquer, patrimonialiser l’horlogerie en Suisse. Neuchâtel : Éditions Alphil.
  • Rosselin-Bareille, Céline, 2017. « Matières à former-confor- mer-transformer », Socio-Anthropologie 35 : 9-22.
Zitiervorschlag

Hervé Munz, 2021: Zwischen Marketing und Wirklichkeit: Das Schweizer Uhrenhandwerk im Zeitalter der industriellen Fertigung. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (2/2021), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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