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Rückblick auf 50 Jahre Berufsschule 1/2022

Und dann flogen Stühle durchs Klassenzimmer

Vor 50 Jahren begann die Jugend, gegen Autoritäten zu rebellieren – auch in den Berufsfachschulen. Ein Teil der Lehrpersonen reagierte autoritär, ein anderer suchte den Dialog. Johann Widmer war damals Mechaniker-Lehrling – und kehrte acht Jahre später als Berufskundelehrperson an die TBZ zurück. «Jesses was macht denn der Widmer, diese Wildsau, bei uns!», sagte einer im Kollegium. Heute steht Widmer vor der Pensionierung. Für Transfer hat er einige Erinnerungen aufgeschrieben, zum Beispiel an jene Stunde, als Stühle durch das Klassenzimmer flogen.

Johann Widmer

Johann (Hannes) Widmer ist seit 1986 Berufsfachschullehrer an der Technischen Berufsschule Zürich (TBZ).

Anfang der 70er-Jahre, also vor rund 50 Jahren, besuchte ich die Berufsschule Uster als Mechaniker-Lehrling. Damals schon mussten wir uns von den Lehrern anhören, dass es früher an den Berufsschulen «besser war», weil die Jugend eine grössere Leistungsbereitschaft gezeigt habe und die Klassen ruhiger gewesen seien. Diese These wurde zwar schon von vielen Fachleuten widerlegt, aber sie hält sich hartnäckig. Im folgenden Text gehe ich ihr mit eigenen Anekdoten nach und stelle diese in einen gesellschaftlichen und pädagogischen Kontext.

Konservativ oder anti-autoritär?

Die Lehrer waren mehrheitlich sehr autoritär und einige prügelten sogar noch – man stelle sich das heute vor!

Mitte der 70er-Jahre gab es in den Berufsschulklassen zwei Strömungen: die eher konservativen und im Lernen engagierten Jugendlichen und die anti-autoritär erzogenen jungen Menschen. Aus Sicht der zweiten Gruppe waren die anderen die «Bünzli» – oder je nach politischer Ausrichtung sogar die «Klassenfeinde». In diesen Jahren ging ich zur Schule und in die Lehre. Ich stand, wie viele meiner Kollegen, immer zwischen diesen beiden Lagern. Einerseits bewunderten wir die Anti-autoritären; andererseits wollten wir eine erfolgreiche Lehre absolvieren und gar studieren gehen. Was uns aber einte, waren (schnelle) eigene Autos und die ersten Discobesuche.

Die Lehrer waren mehrheitlich sehr autoritär und einige prügelten sogar noch – man stelle sich das heute vor! So kommt es, dass ich eigentlich keine wirklichen Vorbilder hatte unter der Lehrerschaft. Nur einer hat mich beeindruckt, und das war so: Die Klasse war in einer Mittagspause sehr unruhig und begann im Zimmer mit nassen Schwämmen herumzuschiessen. Als dann die ersten Stühle flogen, strecke unser Lehrer, Herr R, den Kopf herein und brüllte «Aufhören!». Das beeindruckte uns aber wenig. Als dann der erste Tisch umkippte, kam Lehrer F herein. Er setzte sich mitten unter uns auf einen Stuhl und begann in diesem Lärm ganz ruhig mit einem oder zwei Schülern zu sprechen. Bald sassen wir alle im Kreis herum und diskutierten. Ich kann mich erinnern, dass er das Thema «erste Liebe» mit uns besprach – ganz ruhig, aber klar und bestimmt. Nach 30 Minuten meinte er: «Nun räumt ihr auf und entschuldigt euch bei meinem Kollegen R». Wir waren in der Stunde danach bei Herrn R wie Lämmer und lernten viel. Wie Herr L das gemacht hat? Heute wissen wir es, damals war das revolutionär.

«Ich wünsche dir das Schlimmste im Leben, nämlich dass du mal Berufsschullehrer wirst und eine solche Saubande unterrichten musst.»

Ich muss einen zweifelhaften Ruf gehabt haben in der Berufsschule, denn als ich viele Jahre später als Berufsschullehrer-Praktikant ins Lehrerzimmer trat, wurde ich von Lehrer R mit den Worten begrüsst: «Jesses was macht denn der Widmer, diese Wildsau, bei uns!». Dieser Lehrer R war es auch, der mir mal an den Kopf warf: «Ich wünsche dir das Schlimmste im Leben, nämlich dass du mal Berufsschullehrer wirst und eine solche Saubande unterrichten musst.»

Nach dem Ingenieur-Studium und einigen Jahren im Ausland hatte ich beschlossen, Teilzeit-Berufsschullehrer zu werden. Nein, es war nicht Lehrer R, der mich dazu verleitete, es war Lehrer F, den ich später wieder traf und mit dem ich mich sogar befreundete. Dieser Lehrer F mit seiner verständnisvollen Art für die jungen Menschen beeindruckt mich bis heute. Heute weiss ich, wie er uns damals beruhigt hat!

Drogen und Klassenkampf

Als ich dann an der Technischen Berufsschule Zürich (TBZ) selbst zu unterrichten begann, kam die Zeit, da Drogen unter den Jugendlichen das grosse Thema waren. In den 80er-Jahren eskalierte dieses Thema, und die Jugend spaltete sich in zwei Lager. Die nach wie vor eher konservativ denkende Minderheit und die zum Randalieren und Drogenkonsum neigende Mehrheit. Oberflächlich betrachtet ging es um Drogen, AJZ (Autonomes Jugend-Zentrum) und den Kampf gegen das «Establishment», insbesondere gegen die Repression von Seiten der Regierenden und der Lehrer. Bei genauerer Betrachtung und auf Grund meiner eigenen Erfahrungen in den 70er-Jahren musste ich feststellen, dass die Saat einiger der damaligen politischen Vordenkerinnen und Vordenker bei den Jugendlichen aufgegangen war und bewirkte, dass Drogen und Klassenkampf in den Vordergrund rückten. Das Zeitalter der «Belogenen Generation» hatte begonnen (Roland Baader, Die belogene Generation, Resch, 1999).

In der Berufsschule prallten die Welten aufeinander. Einerseits hatte es immer noch viele alte, mit Repression agierende Lehrkräfte, die in den Schulzimmern noch rauchten und mit blauen Mäntelchen und Krawatte herumliefen. Andererseits waren da die jungen, anti-autoritär erzogenen Leute, die keiner mehr verstand und denen mit den «Patentrezepten» der Repression nicht beizukommen war. Eine kritische Situation. So flogen brennende WC-Papierrollen aus dem Fenster des fünften Stocks («Züri brännt»), einige Jungen praktizierten in der Schule den «Ungehorsam», es gab endlose Diskussionen mit Schülerinnen und Schülern über ihr Verhalten. Leider gab es auch Vorfälle mit Waffen und leider auch Jugendliche, die sich klar zur rechtextremen Szene hingezogen fühlten, was man in ihrem Erscheinungsbild sofort sah.

Das offene Gespräch

Der einzige Ausweg aus der Sackgasse war schon damals das offene Gespräch mit den Jugendlichen über ihre Sorgen.

Der einzige Ausweg aus der Sackgasse war schon damals das offene Gespräch mit den Jugendlichen über ihre Sorgen; es galt, sie ernst zu nehmen, aber auch eine klare Haltung zu zeigen, was in der Schule gelten soll. Heute weiss ich: Es war das, was Lehrer F schon in den 70er-Jahren mit uns machte.

Mit dem Wechsel des Lehrkörpers, mit jüngeren Lehrerinnen und Lehrern, gelang es, über die Jahre an der Schule eine bessere Stimmung zu schaffen. Die Schulleitungen, insbesondere die Abteilungsleitungen, haben da eine gute Arbeit gemacht. Als eine der einzigen Pädagoginnen im Lande, so muss man es rückblickend erkennen, betrachtete Jeanne Hersch die Jugendunruhen in der Schweiz in den 80er-Jahren richtigerweise als Resultat der anti-autoritären Erziehung mit fehlenden erwachsenen Vorbildern und einer mangelnden Orientierung. Sie schrieb: «In Wirklichkeit ist eine der Quellen des Unglücks für einen Teil der heutigen Jugend meiner Ansicht nach keineswegs die Repression, sondern die Abwesenheit von echten Erwachsenen in unserer Gesellschaft. Wenn es heisst, „alles ist erlaubt“, so bedeutet das, dass es nichts gibt – nichts, das zu etwas zwingt, nichts, das etwas wert ist, nichts, das sich aufdrängt. Da alles erlaubt ist, erwartet man von niemandem etwas. Das habe ich die nihilistische Leere genannt.» (Antithesen zu den Thesen zu den Jugendunruhen 1980, Verlag Peter Meili, Schaffhausen, 1982)

Es wird besser, nicht schlimmer

Seit den 00er-Jahren ist eine stetige Verbesserung des Verständnisses der Jugend in unseren Schulen zu beobachten. Das mag verschiedene Gründe haben. Da ist sicher die allgemeine Stimmung in der Gesellschaft, dass Leistung und Kooperation wieder etwas gelten. Da sind aber auch die Organisation der Berufsschule, mit Troubleshootern, die den Jugendlichen mit ihren alltäglich vorkommenden Sorgen beistehen, die offene Diskussionskultur, die Klarheit darüber, was an der Schule punkto Verhalten und Lernbereitschaft gelten soll, der verbesserte Unterricht, der dem Praxisbezug mehr Rechnung trägt und sicher auch die permanente Auseinandersetzung der Lehrkräfte mit den Themen, die einen guten Lernerfolg der Lernenden ermöglichen.

Was die Gymnasiastinnen und Studenten an vielen Freitagen veranstalten, ist für unsere Lernenden nicht sinnvoll.

Die Erfolge unserer Schülerinnen und Schüler beflügeln sowohl sie selber als auch die Lehrpersonen und spornen alle an, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten und diesen dauernd zu verbessern. Die gegenseitige Achtung und Lehrpersonen, die der Jugend wieder ein Vorbild sein können, werden eine nachhaltige Entwicklung in den Berufsschulen sicherstellen. Ich hoffe nur, dass die Bewegung der Klimajugend keinen allzu grossen Einfluss auf unsere Lernenden hat. Was die Gymnasiastinnen und Studenten an vielen Freitagen veranstalten, ist für unsere Lernenden nicht sinnvoll und hat gewisse Parallelen zur «verpolitisierten Jugend» in den 80er-Jahren. Unsere Berufsschüler machen es vor: Statt ihre Zeit mit Demonstrieren zu vertun, arbeiten sie konstruktiv an technologischen Lösungen mit und helfen dadurch in positiver Art mit, das Problem zu lösen.

Eine abschliessende Betrachtung

Man verzeihe mir diese einfache Schlussfolgerung, sie steht allenfalls im Widerspruch zur «Veränderungs- und Modernisierungs-Neurose» der Pädagogen, die in der Lehrerbildung tätig sind. Allzu oft wird heute alter Wein in neuen Schläuchen gepredigt, ganze Arsenale an pädagogischen Waffen stehen da zur Verfügung. Dabei ist zum Beispiel das «Selbstorganisierte Lernen» an Berufsschulen gar kein Novum – das kann nur jemand denken, der noch nie in einer Berufsschule war. Bereits in den 70er-Jahren war es allgemein anerkannt, dass Berufsleute zu einer hohen Selbständigkeit im Organisieren der Arbeit geschult werden müssen.

Letztlich hat man aber nur Erfolg, wenn Lehrpersonen über «…wünschbare Geisteshaltungen – Kompetenzen, Persönlichkeit und Beziehungsfähigkeit –» verfügen und die Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Leistungsniveau einschätzen können. Als Richtschnur des Unterrichts dienen die kognitive Entwicklung der Lernenden sowie die Formative Evaluation (nach John Hattie, «Lernen sichtbar machen», Schneider Verlag, 2014).

Zitiervorschlag

Johann Widmer, 2022: Und dann flogen Stühle durchs Klassenzimmer: Rückblick auf 50 Jahre Berufsschule. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (1/2022), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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