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Standardisierte Abschlussklassenbefragung an Berufsfachschulen in der Schweiz 3/2021

Viele Lernende sind zufrieden mit ihrer Berufsfachschule

Wie erleben die Lernenden ihre Zeit in der Berufsfachschule? Die schweizweit durchgeführte Standardisierte Abschlussklassenbefragung SAB stellt genau diese Frage. Sie findet alle drei Jahre statt und gibt den teilnehmenden Schulen Einsicht in die Einschätzungen der Berufslernenden zur Qualität von Schule und Unterricht. Die Ergebnisse der letzten SAB zeigen insgesamt eine hohe Zufriedenheit der Berufslernenden mit ihrer schulischen Ausbildung. Zur Lernortkooperation und zur gezielten individuellen Förderung äussern sich die Lernenden hingegen kritischer.

Caroline Müller

Caroline Müller, lic. phil. I, ist Co-Abteilungsleiterin «Externe Evaluationen & Transfer» deutsche Schweiz und wissenschaftliche Mitarbeiterin am IFES IPES.

Ivo Schorn

Ivo Schorn, Dr. phil. II, ist Direktor des IFES IPES.

Alle drei Jahre wird schweizweit koordiniert eine Standardisierte Befragung der Abschlussklassen (SAB) durchgeführt – in der beruflichen Grundbildung, aber auch in anderen Schultypen (Kastentext). Mit der Befragung der angehenden Berufsleute nach zwei bis vier Jahren Unterricht an der Berufsfachschule erhalten die Schulen eine breit gefächerte, umfängliche Einschätzung zu wesentlichen Aspekten der Schul- und Unterrichtsqualität aus Sicht ihrer Abgängerinnen und Abgänger.

Auftraggeber der SAB sind die Kantone bzw. die Schulen selbst. Die Rechtsgrundlagen der meisten Kantone der Schweiz verlangen Massnahmen zur Qualitätssicherung der Schulen. Mit der SAB stellen die Kantone sicher, dass die Schulen eine qualitativ hochwertige, belastbare Datengrundlage zur Einschätzung ihrer Schul- und Unterrichtsqualität erhalten. Die Schulen analysieren die Ergebnisse und setzen entsprechende Massnahmen zur Weiterentwicklung um. Die Ergebnisse der SAB nehmen bei vielen Kantonen eine wichtige Position im Rahmen der Reporting-Controlling-Aktivitäten zwischen Schule und Amt ein. Zur Unterstützung der kantonalen Übersicht erhalten die Kantone ab fünf teilnehmenden Schulen einen Kantonsbericht mit den kantonalen Mittelwerten im Vergleich zu den gesamtschweizerischen Mittelwerten.

Inhalt und Methodik der Befragung

Im Jahr 2019 nahmen an der SAB 38 Berufsfachschulen aus 7 Kantonen mit knapp 13’000 Lernenden teil (N=12’941; EFZ: N=11’661, EBA: N=1’280). Diese bilden die Grundlage der vorliegenden Analyse.

Mittels einer Online-Befragung nehmen die Berufslernenden Stellung zu verschiedenen Aspekten der Schul- und Unterrichtsqualität wie Klassenführung, Methodenvielfalt, Leistungsbeurteilung, Förderung und Unterstützung und Kooperation der drei Lernorte (Prozessqualität). Des Weiteren schätzen sie ihre eigene Anstrengung, die Unterstützung durch das soziale Umfeld sowie die Expertise der Lehrpersonen ein (Inputqualität) und geben eine Beurteilung zur Zufriedenheit mit der Schule, der Vorbereitung auf den Berufsalltag und den Zuwachs an überfachlichen Kompetenzen ab (Output/Outcome-Qualität).

Die Berufslernenden benötigen ca. 20-30 Minuten, um den Fragebogen auszufüllen. Die koordinierte Bearbeitung der Fragebogen während des Unterrichts stellt eine sehr hohe Rücklaufquote (ca. 90%) und eine ausgezeichnete Datenqualität sicher. Nachfolgend werden einige Erkenntnisse aus der SAB 2019 in aller Kürze vorgestellt.

Hohe Zufriedenheit mit der Schule und Unterricht

Die Lehrpersonen sorgen dafür, dass alle dem Unterricht folgen, was etwas mehr als zwei Drittel der Lernenden bestätigen.

Bei den Berufslernenden herrscht kurz vor Abschluss (März bis Mai) insgesamt eine grosse Zufriedenheit mit der Schule: vier von fünf geben an, eher zufrieden bis sehr zufrieden zu sein. Diese hohe Zufriedenheit zieht sich ausnahmslos durch die verschiedenen Bereiche der Schule: von der Administration über die Lehrmittel, Stundenpläne, Schulleitung bis hin zur Zufriedenheit mit den Lehrpersonen. Ebenso fühlt sich ein Grossteil der Berufslernenden insgesamt gut auf die berufliche Zukunft vorbereitet (86%), sei dies in fachlicher Hinsicht (83%, nur EFZ) oder auf persönlicher Ebene (86%, nur EFZ).

Effektive Klassenführung ist eindeutig und konsistent verknüpft mit dem Leistungsniveau von Schulklassen (Helmke 2009, S.174) und daher ein zentraler Aspekt der Unterrichtsqualität. Die Lehrpersonen sorgen dafür, dass alle dem Unterricht folgen, was etwas mehr als zwei Drittel der Lernenden bestätigen (70%, nur EFZ). Drei Viertel der Berufslernenden nehmen die Lehrpersonen als aufmerksame Begleiter bei der selbstständigen Arbeit wahr. Ebenso positiv fällt das Urteil der Berufslernenden bzgl. der Bekanntgabe von Lernzielen zu Beginn der Unterrichtsstunde aus (82% Zustimmung).

Was hingegen einigen Berufslernenden fehlt, ist die gezielte individuelle Förderung und Wertschätzung durch die Lehrpersonen. Die Aussagen «Meine Lehrpersonen loben mich, wenn ich mich angestrengt habe» und «Meine Lehrpersonen fördern mich dort, wo ich gut bin» sind für ein Drittel der Befragten (33% bzw. 37%, nur EFZ) nur für wenige Lehrpersonen zutreffend.

Kooperation der drei Lernorte

Gemäss Pätzold (2003) wird durch adäquate Lernorganisation und Lernortkooperation die Erreichung anspruchsvoller Ziele der beruflichen Bildung gefördert. Ohne eine an der Theorie-Praxis-Verbindung ausgerichtete, kontinuierlich-konstruktive Zusammenarbeit des Lehr- und Ausbildungspersonals der verschiedenen Lernorte sind diese Ziele nicht zu erreichen. Die Einschätzung der Berufslernenden nach zwei bis vier Jahren Erfahrung im dualen Bildungssystem fällt bezüglich Lernortkooperation gemischt aus. Für rund ein Drittel der Lernenden ist die Abstimmung der Lerninhalte von Schule und Betrieb bzw. Schule und ÜK eher nicht gegeben. Dabei fällt die Einschätzung der Abstimmung der Lerninhalte von Schule und Betrieb bei den EFZ-Lernenden häufiger negativ aus (36% negative Bewertung) als bei den EBA-Lernenden (21% negative Bewertung). Diese unterschiedlichen Einschätzungen durch EFZ- und EBA-Lernende ziehen sich durch die gesamten Ergebnisse.

Positivere Bewertung durch die EBA-Lernenden

Besonders beeindruckend ist, dass 45% aller EBA-Lernenden sehr zufrieden (bestmögliche Bewertung) sind mit ihren Lehrpersonen – im Vergleich zu 19% der EFZ-Lernenden.

Die Lernenden der zweijährigen beruflichen Grundbildung bewerteten alle abgefragten Aspekte durchwegs positiver als die Lernenden der drei- und vierjährigen beruflichen Grundbildung. Die grösste Differenz zeigt sich bei der Einschätzung der individuellen Förderung und der Begleitung durch die Lehrpersonen beim selbstständigen Arbeiten sowie bei der Zufriedenheit mit den Lehrpersonen. Alle drei Aspekte werden nur von einem kleinen Anteil an EBA-Lernenden (Anteil zwischen 12-17%) negativ bewertet. Besonders beeindruckend ist, dass 45% aller EBA-Lernenden sehr zufrieden (bestmögliche Bewertung) sind mit ihren Lehrpersonen – im Vergleich zu 19% der EFZ-Lernenden. Dies weist auf die hohe pädagogische Kompetenz der Lehrpersonen in der zweijährigen Grundbildung hin, auf ihre Fähigkeit, die Lernenden abzuholen und individuell auf deren Bedürfnisse einzugehen. Gleichzeitig zeigen diese Ergebnisse, dass die Rahmenbedingungen für die individuelle Förderung in der zweijährigen Grundbildungen mit der fachkundigen individuellen Begleitung (FiB) deutlich stärker gegeben sind als in der drei- und vierjährigen Grundbildung. Beide Interpretationen kommen immer wieder auch bei externen Schulevaluationen an Berufsfachschulen zu Tage.

Zusammenfassung

Die Standardisierte Abschlussklassenbefragung SAB ist die umfassendste periodisch durchgeführte Befragung auf Sekundarstufe II (3-Jahres-Zyklus). Auf Ebene Schule ermöglicht sie eine Standortbestimmung anhand verschiedenster Aspekte der Schul-und Unterrichtsqualität, auf Ebene Kanton dient die SAB als Instrument zur Qualitätssicherung sowie als Grundlage für Reporting-Controlling-Prozesse mit den einzelnen Schulen. Das Bildungsmonitoring profitiert von einem grossen, interkantonalen Datensatz, ab 2022 auch zum Thema digitaler Wandel aus Sicht der Berufslernenden.

Die Ergebnisse der letzten SAB 2019 zeigen, dass die angehenden Berufsleute nach zwei bis vier Jahren Berufsschulerfahrung in hohem Masse zufrieden sind mit der Schule und der Vorbereitung auf das Berufsleben. Insbesondere die EBA-Lernenden fühlen sich durch ihre Lehrpersonen gefördert und unterstützt. Verbesserungsfähig aus Sicht eines relevanten Teils der Berufslernenden sind die Koordination der Lerninhalte zwischen den drei Lernorten Berufsfachschule, Betrieb und überbetriebliche Kurse und aus Sicht der EFZ-Lernenden die gezielte individuelle Förderung und Wertschätzung durch die Lehrpersonen.

 

Weitere Hinweise zur Befragung

Durch die zeitgleiche Durchführung der Befragung in der ganzen Schweiz entsteht ein Vergleichsdatensatz, der es jeder Schule ermöglicht, die eigenen Ergebnisse sowohl anhand von schuleigenen Vorgaben als auch im Vergleich mit anderen Schulen desselben Typs zu bewerten. Dabei werden bei den Mittelschulen drei Schultypen (Gymnasien, Fachmittelschulen, Handels-, Wirtschafts- und Informatikmittelschulen) und bei der beruflichen Grundbildung fünf Lernendengruppen unterschieden (Lernende EFZ mit dreijähriger Ausbildung, Lernende EFZ mit vierjähriger Ausbildung, EBA-Lernende, Lernende BM I und Lernende BM II). Die SAB ist eine der niederschwelligsten und kostengünstigsten Massnahmen, die den Kantonen und den Schulen zur Qualitätssicherung und -entwicklung zur Verfügung stehen. Der Preis pro Schule beträgt CHF 2’750.– (ab 2022 schweizweit einheitlich).

Bei der Befragung wird berücksichtigt, dass die Komplexität der Schul- und Unterrichtsqualität nicht durch eine einheitliche Theorie erfasst werden kann (vgl. Helmke, 2009). Die theoretische Grundlage bilden das Drei-Säulen-Modell der Qualitätsanalyse von Donabedian (1980), ergänzt durch Dittons Modell zur Qualitätskontrolle und -sicherung in Schule und Unterricht (2000), sowie das Angebots-Nutzungs-Modell der Wirkungsweise des Unterrichts von Helmke (2009). Das Drei-Säulen-Modell für Qualität im Bildungsbereich unterscheidet drei Dimensionen der Schulqualität: Inputqualität, Prozessqualität und Output/Outcome-Qualität (z.B. Donabedian 1980, Ditton 2000; Dubs, 1999). Für eine umfassende Bewertung der Schulqualität gilt es alle drei Dimensionen zu berücksichtigen und mit geeigneten Aspekten abzufragen.

Ab 1. Januar 2022 stehen die Leistungen des IFES IPES allen Schulen der Sekundarstufe II neu unter dem Dach von ZEM CES zur Verfügung. Die nächste SAB findet im Frühjahr 2022 statt und umfasst neu ein Fragebogenmodul zum Thema digitaler Wandel. Das Ziel des IFES IPES ist es, die Schwelle von 100 teilnehmenden Schulen zu knacken. Je mehr Schulen teilnehmen, desto wertvoller werden die Ergebnisse und Vergleiche für alle. Auskünfte und Anmeldung: sb-admin@ifes-ipes.ch

 

Literatur

  • Ditton, H. (2000). Qualitätskontrolle und Qualitätssicherung in Schule und Unterricht. Ein Überblick zum Stand der empirischen Forschung. Zeitschrift für Pädagogik, 73-92.
  • Donabedian, A. (1980): The Definition of Quality and Approaches to Its Assessment, Explorations in Quality Assessment and Monitoring. Band 1. Health Administration Press.
  • Dubs, R. (1999). Qualitätsmanagement in Schulen. In G. Grogger & W. Specht (Hrsg.), Evaluation und Qualität im Bildungswesen. Problemanalyse und Lösungsansätze am Schnittpunkt von Wissenschaft und Bildungspolitik (80-85). Graz: Zentrum für Schulentwicklung.
  • Helmke, A. (2009): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Seelze-Velber: Kallmeyer/Klett.
  • Pätzold, G. (2003). Lernfelder – Lernortkooperationen. Neugestaltung beruflicher Bildung. Bochum: Projekt Verlag.
Zitiervorschlag

Caroline Müller & Ivo Schorn, 2021: Viele Lernende sind zufrieden mit ihrer Berufsfachschule: Standardisierte Abschlussklassenbefragung an Berufsfachschulen in der Schweiz. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (3/2021), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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