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Jugendliche in der beruflichen Grundbildung und in der allgemeinbildenden Schule 2/2022

Wenn die Lernumwelt passt, steigt die Anstrengungsbereitschaft

Die Anstrengungsbereitschaft von Lernenden beim Eintritt in die Sekundarstufe II ist eine wichtige Voraussetzung für den Ausbildungserfolg. Erstaunlicherweise gibt es aber kaum Studien zur Frage, wovon die Anstrengungsbereitschaft im Lehrbetrieb, in der Berufsfachschule und in der allgemeinbildenden nachobligatorischen Schule abhängt. Neue Ergebnisse aus dem WiSel-Projekt zeigen, dass eine hohe Selbstwirksamkeit vor dem Übergang und eine gute Beziehung zu den Lehrpersonen und Berufsbildenden die Anstrengungsbereitschaft nach Eintritt in die Sekundarstufe II begünstigen.

Markus P. Neuenschwander

Prof. Dr. Markus P. Neuenschwander ist Leiter des Zentrums Lernen und Sozialisation am Institut Forschung und Entwicklung der PH FHNW.

Lukas Ramseier

Lukas Ramseier ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Lernen und Sozialisation des Instituts Forschung und Entwicklung der PH FHNW.

Jan Hofmann

M.Sc. Jan Hofmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt WiSel am Zentrum Lernen und Sozialisation des Instituts Forschung und Entwicklung der PH FHNW.

Anstrengungsbereitschaft bei Eintritt in die Sekundarstufe II

Im Unterschied zum Absinken der Anstrengungsbereitschaft in die allgemeinbildende Schule der Sekundarstufe II nimmt gemäss früherer Studien die Anstrengungsbereitschaft beim Eintritt in den Lehrbetrieben zu.

Die Anstrengungsbereitschaft ist ein Aspekt der Motivation und bezeichnet bei einer hohen Ausprägung eine positive Einstellung gegenüber Anforderungssituationen. Sie gilt als eine wichtige Voraussetzung, dass Lernende ihre Ausbildung erfolgreich abschliessen. Allerdings belegen Studien eine kontinuierliche Abnahme der Anstrengungsbereitschaft von der Primarstufe in die Sekundarstufe I und in die Sekundarstufe II (Schiefele, 2009). Im Unterschied zum Absinken der Anstrengungsbereitschaft in die allgemeinbildende Schule der Sekundarstufe II nimmt gemäss früherer Studien die Anstrengungsbereitschaft beim Eintritt in den Lehrbetrieben zu (Neuenschwander et al., 2012). Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Jugendliche im Lehrbetrieb gute Beziehungen zu den Mitarbeitenden aufnehmen können. Zudem werden im Lehrbetrieb Tätigkeiten eines selbst gewählten Berufs ausgeübt. Entsprechend kann vermutet werden, dass die Anstrengungsbereitschaft der Lernenden im Lehrbetrieb höher ist als in der Berufsfachschule und in der allgemeinbildenden Schule (d.h. Gymnasium, Fachmittelschule).

Der Vergleich der Motivation zwischen dem Lernen im Lehrbetrieb, in der Berufsfachschule und in der allgemeinbildenden Ausbildung ist interessant, weil er Aufschlüsse gibt, wie sich Lernumwelten und die damit verbundenen Beziehungen auf die Anstrengungsbereitschaft der Jugendlichen auswirken. Im Unterschied zum Lehrbetrieb setzen die allgemeinbildende Schule und die Berufsfachschule das Lernen im Klassenunterricht fort. Zudem verbringen Jugendliche im Fachlehrpersonensystem der allgemeinbildenden Schule und der Berufsfachschule vergleichsweise weniger Zeit mit den Klassenlehrpersonen als Lernende mit ihren Berufsbildnerinnen und Berufsbildnern. Die Lehrpersonen der allgemeinbildenden Schule und der Berufsfachschule sind Expertinnen und Experten für ihr Fach und fokussieren möglicherweise stärker auf die Vermittlung von Fachwissen als die Berufsbildenden im Lehrbetrieb, welche der zwischenmenschlichen Beziehung Bedeutung zuweisen. Dadurch erleben die Jugendlichen die Beziehungen zu ihren Lehrpersonen im schulischen Kontext als weniger eng als im betrieblichen Kontext. Uns sind keine Studien bekannt, welche die Anstrengungsbereitschaft bei Eintritt in die duale Berufsbildung mit den beiden Lernumwelten Lehrbetrieb und Berufsfachschule im Vergleich zum Eintritt in die allgemeinbildende Schule analysiert haben. Zudem ist wenig bekannt, wovon die Anstrengungsbereitschaft in den verschiedenen Lernumwelten abhängt. Die Analyse dieser Fragen gibt Hinweise, wie die Anstrengungsbereitschaft der Lernenden bei Eintritt in die Sekundarstufe II erhöht werden kann.

Passung zwischen Lernenden und ihrer Lernumwelt

Zusammenfassend ist anzunehmen, dass die Anstrengungsbereitschaft der Lernenden nach dem Eintritt in die Sekundarstufe II hoch ist, wenn die Lernenden vor dem Übergang eine hohe Selbstwirksamkeit und nach dem Übergang eine gute Beziehung zu den Ausbildungsverantwortlichen haben.

Die Fragen wurden auf der Basis der sozial-kognitiven Laufbahntheorie bearbeitet. Ihr zufolge entwickeln Jugendliche mit einer hohen Selbstwirksamkeit[1] im 9. Schuljahr sowie mit guten Beziehungen zu den Ausbildungsverantwortlichen (Berufsbildnerinnen, Berufsfachschullehrer, Lehrpersonen der allgemeinbildenden Schule) eine höhere Anstrengungsbereitschaft. Diese Zusammenhänge können auf der Basis der Theorie der Person-Umwelt-Passung von Eccles et al (1993; Neuenschwander, 2021) besser verstanden werden. Die Person-Umwelt-Passung bezeichnet das Verhältnis zwischen den Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen und den Anforderungen des beruflichen bzw. schulischen Umfelds. Jugendliche, die in eine Umwelt passen, können ihr Potenzial besser entfalten, sind leistungsfähiger und motivierter (Eccles et al., 1993). Eine hohe Person-Umwelt-Passung erhöht daher die Anstrengungsbereitschaft der Jugendlichen.

Wichtig für die Person-Umwelt-Passung ist unter anderem die Selbstwirksamkeit. Jugendliche mit einer hohen Selbstwirksamkeit können sich in einer Lernumwelt so verhalten, dass sie ihre Bedürfnisse und Kompetenzen erfolgreich einbringen können. Sie können mit einer hohen Selbstwirksamkeit die Person-Umwelt-Passung erhöhen (Zimmer-Gembeck et al., 2006). Gemäss Eccles et al. (1993) hängt die Person-Umwelt-Passung überdies von der Qualität der Beziehungen der Lernenden zu ihren Ausbildungsverantwortlichen ab. Wenn diese Beziehungen als gut empfunden werden, erleben die Jugendlichen die Ausbildung als zu ihrer Persönlichkeit passend. Damit steigt ihre Anstrengungsbereitschaft.

Zusammenfassend ist anzunehmen, dass die Anstrengungsbereitschaft der Lernenden nach dem Eintritt in die Sekundarstufe II hoch ist, wenn die Lernenden vor dem Übergang eine hohe Selbstwirksamkeit und nach dem Übergang eine gute Beziehung zu den Ausbildungsverantwortlichen haben. Beide Faktoren erhöhen die Person-Umwelt-Passung und dadurch auch die Anstrengungsbereitschaft.

Methode

Die Annahmen wurden mit Daten der Längsschnittstudie Wirkungen der Selektion (WiSel) analysiert. Befragt wurden am Ende des 9. Schuljahrs insgesamt rund 2300 Jugendliche aus den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Bern und Luzern. Rund 800 dieser Jugendlichen füllten zudem einen Fragebogen am Ende des ersten Jahres nach Eintritt in die Sekundarstufe II aus. Gruppenvergleiche bezüglich der Anstrengungsbereitschaft wurden anhand von sog. t-Tests durchgeführt. Mit Strukturgleichungsmodellen wurden die Vorhersagefaktoren für die Anstrengungsbereitschaft in den verschiedenen Lernumwelten (Lehrbetrieb, Berufsfachschule, allgemeinbildende Schule) untersucht. Die Modelle ermöglichen ausserdem zu überprüfen, ob die Beziehung zu den Ausbildungsverantwortlichen die Anstrengungsbereitschaft je nach Lernumwelt unterschiedlich beeinflussen.

Veränderung der Anstrengungsbereitschaft in verschiedene Lernumwelten

Die Auswertungen zeigten, dass die Anstrengungsbereitschaft der Jugendlichen beim Übergang in die Lernumwelt Lehrbetrieb im Vergleich zum 9. Schuljahr signifikant zunimmt. Die Anstrengungsbereitschaft in die Berufsfachschule und in der allgemeinbildenden Schule verblieb auf einem ähnlichen Niveau wie im 9. Schuljahr. Entsprechend wiesen die Jugendlichen am Ende des ersten Jahres ihrer Sek II Ausbildung eine höhere Anstrengungsbereitschaft im Lehrbetrieb als in der Berufsfachschule und in der allgemeinbildenden Schule auf.

Wovon eine hohe Anstrengungsbereitschaft abhängt

Lernende in einer allgemeinbildenden Schule schätzten ihre Beziehung zur Klassenlehrperson positiver ein als Berufslernende ihre Beziehung zu den Berufsfachschullehrpersonen.

Weitere Ergebnisse verweisen darauf, dass die Jugendlichen nach dem Übergang über bessere Beziehungen zu ihren Berufsbildenden als zu den Berufsfachschullehrpersonen aufweisen. Lernende in einer allgemeinbildenden Schule schätzten ihre Beziehung zur Klassenlehrperson positiver ein als Berufslernende ihre Beziehung zu den Berufsfachschullehrpersonen.

Wie erwartet zeigte sich, dass die Anstrengungsbereitschaft nach dem Übergang in die berufliche Grundbildung von der Anstrengungsbereitschaft und der Selbstwirksamkeit im 9. Schuljahr abhängt, aber auch von den Beziehungen zu den Berufsbildenden im Lehrbetrieb bzw. den Sek-II-Lehrpersonen. Erwartungsgemäss gibt es auch einen Effekt der Selbstwirksamkeit über die wahrgenommene Passung Person-Umwelt auf die Anstrengungsbereitschaft nach dem Übertritt. Diesen Effekt fand sich für alle drei Lernumwelten Lehrbetrieb, Berufsfachschule, allgemeinbildende Schule. Es gibt auch einen Effekt von der Beziehung zu den Berufsbildenden über die Person-Umwelt-Passung auf die Anstrengungsbereitschaft nach dem Übertritt. Diese sog. Mediation zeigte sich für die Berufsfachschule und die allgemeinbildende Schule jedoch nicht.

Schlussfolgerungen

Die Analysen zeigen, dass der Übergang in das erste Jahr der beruflichen Grundbildung mit einer Erhöhung der Anstrengungsbereitschaft im Lehrbetrieb verbunden ist. Diese Zunahme findet sich nicht für die Lernumwelten Berufsfachschule und allgemeinbildende Schule. Die Anstrengungsbereitschaft zu Beginn der Sekundarstufe II hängt von der Selbstwirksamkeit der Jugendlichen vor dem Übergang und den Beziehungen zu den Ausbildungsverantwortlichen nach dem Übergang ab.

Diese Zusammenhänge können mehrheitlich durch die Person-Umwelt-Passung erklärt werden. Das heisst, dass Jugendliche mit einer hohen Selbstwirksamkeit ihre Kompetenzen besser umsetzen können, ihre Lernumwelt dadurch als passender wahrnehmen und daher mehr Anstrengungsbereitschaft zeigen. Zudem hat sich gezeigt: Wenn die Beziehungen zu den Ausbildungsverantwortlichen gut sind, arbeiten die Jugendlichen motivierter. Im Lehrbetrieb kann dieser Effekt durch die Person-Umwelt-Passung erklärt werden, d.h. eine gute Beziehung der Jugendlichen zu den Berufsbildenden verstärkt die Erfahrung der Jugendlichen, dass der Lehrbetrieb zu den eigenen Fähigkeiten und Interessen passt, sodass sie mit mehr Anstrengungsbereitschaft arbeiten.

Für die Lehrbetriebe ist es daher sinnvoll, dass sie denjenigen Jugendlichen einen Lehrvertrag geben, deren Interessen und Fähigkeiten optimal zum Beruf und zum Lehrbetrieb passen (Passung als Kriterium der Lehrstellenvergabe).

Für die Lehrbetriebe ist es daher sinnvoll, dass sie denjenigen Jugendlichen einen Lehrvertrag geben, deren Interessen und Fähigkeiten optimal zum Beruf und zum Lehrbetrieb passen (Passung als Kriterium der Lehrstellenvergabe). In Schnupperlehren und Praktika können die Lehrbetriebe prüfen, wie gut Jugendliche das Passungskriterium erfüllen. Grundsätzlich könnte die Erhöhung der Person-Umwelt-Passung ein wichtiges Ziel von Schul- und Unterrichtsentwicklungen an Berufsfachschulen und allgemeinbildenden Schulen sein. Für die Jugendlichen unterstreicht die hohe Bedeutung der Person-Umwelt-Passung die Wichtigkeit des Berufswahlprozesses: Für sie ist relevant, einen passenden Beruf zu finden, um im beruflichen und betrieblichen Umfeld eine hohe Anstrengungsbereitschaft zu zeigen und sich optimal zu entwickeln (Eccles et al., 1993; Neuenschwander et al., 2012).

Der positive Effekt der Anstrengungsbereitschaft im 9. Schuljahr auf die Anstrengungsbereitschaft in der beruflichen Grundbildung verweist darauf, dass sich Massnahmen zur Steigerung der Anstrengungsbereitschaft in der Sekundarstufe I auch im Hinblick auf die Anstrengungsbereitschaft nach dem Übertritt in die berufliche Grundbildung lohnen. Eine weitere Möglichkeit, die Anstrengungsbereitschaft in der Sekundarstufe II zu steigern, ist die Verbesserung der Selbstwirksamkeit der Jugendlichen. Die Selbstwirksamkeit von Jugendlichen kann beispielsweise durch Erfolgserlebnisse erhöht werden.

Die allgemeinbildenden Schulen wie auch die Berufsfachschulen sind mit der Herausforderung konfrontiert, das schulische Angebot in Passung mit den altersspezifischen Interessen und Fähigkeiten der Lernenden zu bringen. Trotz Fachlehrpersonensystem sollten die Beziehungen zwischen den Lehrpersonen und den Lernenden so gut sein, dass der Lernkontext mit den alterstypischen Interessen und Fähigkeiten der Jugendlichen korrespondiert.

[1] Selbstwirksamkeit bezeichnet die selbstbeurteilte Kompetenz, zukünftige Aufgaben lösen zu können.

Literatur

  • Eccles, J. S., Midgley, C., Wigfield, A., Buchanan, C. M., Reuman, D., Flanagan, C., & Mac Iver, D. (1993). Development during adolescence: the impact of stage-environment fit on young adolescents’ experiences in schools and in families. American Psychologist, 48(2), 90-101.
  • Lent, R. W., Brown, S. D., & Hackett, G. (1994). Toward a unifying social cognitive theory of career and academic interest, choice, and performance. Journal of Vocational Behavior, 45(1), 79-122.
  • Neuenschwander, M. P. (2021). Steuerung von Schullaufbahnen. Profil, (2), 6-9.
  • Neuenschwander, M. P., Gerber, M., Frank, N., & Rottermann, B. (2012). Schule und Beruf: Wege in die Erwerbstätigkeit. Wiesbaden: VS-Verlag.
  • Schiefele, U. (2009). Motivation. In E. Wild & J. Möller (Eds.), Berlin (pp. 151–177). Springer.
  • Zimmer-Gembeck, M. J., Chipeuer, H. M., Hanisch, M., Creed, P. A., & McGregor, L. (2006). Relationships at school and stage-environment fit as resources for adolescent engagement and achievement. Journal of Adolescence, 29, 911-933.
Zitiervorschlag

Markus P. Neuenschwander, Lukas Ramseier & Jan Hofmann, 2022: Wenn die Lernumwelt passt, steigt die Anstrengungsbereitschaft: Jugendliche in der beruflichen Grundbildung und in der allgemeinbildenden Schule. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (2/2022), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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