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Neue Forschungsarbeiten und Perspektiven 1/2023

Zweisprachiger Unterricht an Berufsschulen

In der Schweiz boomt der zweisprachige Unterricht, vor allem auf der Sekundarstufe II. Gemäss einem neu erstellten Inventar des Instituts für Mehrsprachigkeit und der Universität Genf existieren landesweit 373 bilinguale Lehrgänge, rund Hälfte davon in den Gymnasien. In der beruflichen Bildung (Lehre und Berufsmaturität) werden rund hundert Lehrgänge gezählt; sie unterscheiden sich in Dauer und Ausgestaltung stark. Insgesamt verlieren die Landessprachen zugunsten des Englischen an Boden. In der Berufsbildung der einsprachig deutschen Schweiz wird in keinem einzigen Bildungsgang Französisch als Partnersprache angeboten – aus Sicht des Autors der Studie ein Befund, der diskutiert werden sollte.

Daniel Elmiger

Dr. Daniel Elmiger ist ausserordentlicher Professor für deutsche Linguistik und Didaktik an der Universität Genf.

Erstaunlich für den Bereich der Berufsbildung ist die grosse Bandbreite von Ausgestaltungen: Die verschiedenen Lehrgänge unterscheiden sich teilweise beträchtlich in Bezug auf ihre Dauer oder die Anzahl der Wochenlektionen.

Wie lernt man eigentlich Fremdsprachen an der Schule? Neben dem traditionellen schulischen Unterricht, dessen Resultate manchmal als enttäuschend erachtet werden, hat sich in den letzten Jahrzehnten ein neues Modell etabliert, in dem Sprache anders als im traditionellen schulischen Sprachenunterricht gelernt wird: Nämlich der zweisprachige oder immersive Unterricht, in dem ein Teil des Sachfachunterrichts in einer anderen als der üblichen Unterrichtssprache vermittelt wird: also etwa an einer Deutschschweizer Berufsschule die Allgemeinbildung auf Englisch oder an einer Westschweizer Berufsmaturitätsschule das Fach Finanzen und Buchhaltung (finances et comptabilité) auf Deutsch.

Aufgrund des föderalistischen Bildungssystems, das den Kantonen viele Freiheiten bei der Umsetzung von Schul- und Unterrichtsmodellen lässt, hat sich in den letzten Jahren im Bereich des zweisprachigen Unterrichts einiges getan, ohne dass die vielen Angebote landesweit koordiniert oder gar erfasst wurden. An der Universität Genf wurden deshalb zwei Forschungsprojekte initiiert, von denen das eine Ende 2022 abgeschlossen und das andere noch im Gange ist[1]. Zum einen wurde zum ersten Mal seit Ende der 1990er-Jahre ein Inventar aller zweisprachigen Lehrgänge von der Primarstufe (inkl. Kindergarten) bis zur Sekundarstufe II erstellt. Zum anderen wird die Fachliteratur zum Thema zweisprachiger Unterricht ausgewertet.

Inventar des zweisprachigen Unterrichts in der Schweiz

Das neu erstellte Inventar zählt 373 Lehrgänge, die allerdings nicht gleichermassen verteilt sind: Am häufigsten (rund drei Viertel) sind sie auf der Sekundarstufe II. Weitaus am meisten Lehrgänge gibt es an den Gymnasien: Etwa ein Sechstel der gymnasialen Maturitätsprüfungen wird heute zweisprachig abgelegt. Aber auch im Bereich der beruflichen Bildung hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Vor allem zwei Bereiche sind dabei wichtig: einerseits die Erstausbildungen (Berufslehren) und andererseits die Berufsmaturitäten.

Bei den Berufsschulen gibt es 74 zweisprachige Lehrgänge und bei den nichtgymnasialen Ausbildungen der Sekundarstufe II sind 41 erfasst. Davon betreffen die meisten eine Berufsmaturität, doch manche auch andere Ausbildungen wie etwa eine Fachmittelschule.

Verteilung der zweisprachigen Lehrgänge auf die Schulstufen (prozentualer Anteil, N=373). Quelle: Elmiger, Tunger & Siegenthaler (2022)

Neben den Lehrgängen selbst wurden mehrere Informationen dazu erhoben: Neben der Anzahl der Lernenden auch die Bedingungen für die Teilnahme, die Ausbildung der Lehrpersonen oder Sprachaufenthalte im Zusammenhang mit dem zweisprachigen Unterricht.

Im Bereich der Berufsbildung fallen mehrere Dinge auf. Zum einen die Tatsache, dass der Bereich der zweisprachigen Berufserstausbildung vor allem in der Deutschschweiz, in den zweisprachigen Kantonen sowie in den Kantonen Graubünden und Tessin verbreitet sind – aber kaum in den Westschweizer Kantonen. Nur zwei von 74 Lehrgängen werden in einem einsprachig frankofonen Kanton angeboten. Warum dies so ist, ist nicht ganz klar, denn bei den gymnasialen Lehrgängen gibt es beispielsweise keinen «Immersionsgraben». Die grosse Verbreitung in der Deutschschweiz hängt wohl teilweise mit einzelnen Programmen wie etwa dem Zürcher bili-Programm zu tun, das wissenschaftlich begleitet und evaluiert worden ist[2].

Während etwa in einem Gymnasium die Immersionsfächer wenn möglich nur in der Immersionssprache unterrichtet werden sollen, findet der Unterricht in Berufsbildung oft teilweise zweisprachig statt.

Erstaunlich für den Bereich der Berufsbildung ist auch die grosse Bandbreite von Ausgestaltungen: Die verschiedenen Lehrgänge unterscheiden sich teilweise beträchtlich in Bezug auf ihre Dauer oder die Anzahl der Wochenlektionen. Die meisten Ausbildungen sind berufsbegleitend, sodass der Kontakt mit der Immersionssprache geringer ist als in anderen Schulen, wo die Schüler:innen die ganze Woche Unterricht haben.

Übrigens wird an Berufsschulen auch häufig eine etwas andere Form von zweisprachigem Unterricht praktiziert als anderswo. Während etwa in einem Gymnasium die Immersionsfächer (z. B. Mathematik oder Biologie) wenn möglich nur in der Immersionssprache unterrichtet werden sollen, findet der Unterricht in Berufsbildung oft teilweise zweisprachig statt, als sogenannter sequenzieller Immersionsunterricht. In einer einzelnen Lektion gibt es dann einen oder mehrere Wechsel zwischen der üblichen Unterrichtssprache und der Zielsprache (etwa zwischen einzelnen Unterrichtssequenzen).

Anzahl Schüler:innen in zweisprachigen Lehrgängen der Sekundarstufe II (Berufsschulen) im Schuljahr 2021/2022 (Hochrechnung). Quelle: Elmiger, Tunger & Siegenthaler (2022)

Schliesslich gibt es noch eine weitere Besonderheit im Bereich der zweisprachigen Berufsausbildung: Die meisten Ausbildungen haben Immersionssprache Englisch gewählt. In den einsprachigen deutschsprachigen Kantonen ist Englisch sogar die einzige Sprache, die angeboten wird. Dies wirft in einem mehrsprachigen Land wie der Schweiz natürlich einige Fragen auf, denn ohne eine gewisse Mehrsprachigkeit ist die Verständigung zwischen den Landesteilen gefährdet[3]. Ob in diesem Bereich Änderungen erforderlich sind, ist eine gesellschaftliche und sprachpolitische Frage, die künftig intensiver diskutiert werden sollte.

Kritische Literaturübersicht

Im zweiten Forschungsprojekt geht es um die bestehende Fachliteratur zum Thema zweisprachiger Unterricht, d. h. rund 1200 wissenschaftliche und dokumentarische Arbeiten, die sich mit dem zweisprachigen Unterricht (v. a. in der Schweiz) befassen. Diese Texte werden in Bezug auf die vier Fragestellungen analysiert:

  • Ausgestaltungen des zweisprachigen Unterrichts: Welche Formen von zweisprachigem Unterricht gibt es in der Schweiz und wie unterscheiden sie sich voneinander (Ziele, Dauer und Intensität, Bedingungen für die Teilnahme usw.)?
  • Sprachgebrauch und Sprachstand im zweisprachigen Unterricht: Welche Resultate zeigen Studien, die sich mit dem Sprachgebrauch im zweisprachigen Unterricht beschäftigen? Welche Sprachstandsmessungen sind in Evaluationsprojekten durchgeführt worden? Was ist über die sprachliche Entwicklung in der lokalen Schulsprache bekannt?
  • Unterricht in zweisprachig unterrichteten Sachfächern: Welche Aussagen werden zum Unterricht in immersiv unterrichteten Sachfächern gemacht? Was sind Möglichkeiten und Grenzen der Didaktisierung? Welche Ergebnisse werden in den Sachfächern erzielt und inwiefern lassen sie sich mit denjenigen im herkömmlichen Unterricht vergleichen?
  • Gründe für das Scheitern (und Gelingen) von zweisprachigen Lehrgängen: In der Vergangenheit mussten mehrere bilinguale Lehrgänge nach einer gewissen Zeit wieder eingestellt werden: Welche Gründe haben dazu geführt? Welche Faktoren begünstigen hingegen die erfolgreiche Durchführung von zweisprachigen Lehrgängen?

Für die Berufsbildung sind wohl alle vier Fragen von Bedeutung; besonders aber die vierte: Nicht nur weil immer wieder neue Lehrgänge entstehen, sondern weil in der Vergangenheit bestehende Lehrgänge wieder eingestellt werden mussten.

Verschiedene Parameter sind für das Gelingen von zweisprachigem Unterricht wichtig. Vier davon sollen kurz vorgestellt werden.[4]

Manchmal gibt es in den Kollegien gewisse Spannungen, etwa wenn der zweisprachige Unterricht besonders leistungswillige Schüler:innen anzieht und diese dann in den regulären Klassen fehlen.

Ein gemeinsames Projekt, das niemanden ausschliesst. Wenn ein neuer Lehrgang konzipiert wird, dann sollte er gut geplant werden. Da die konkrete Ausgestaltung ganz unterschiedlich ausfallen kann, ist es hilfreich, wenn sich alle Beteiligten einbringen können. Nicht nur die künftigen Immersionslehrpersonen sollten sich mit dem Projekt identifizieren können, sondern auch die anderen Lehrpersonen, welche die bisherigen (regulären) Klassen weiterhin einsprachig unterrichten. Manchmal gibt es in den Kollegien nämlich gewisse Spannungen, etwa wenn der zweisprachige Unterricht besonders leistungswillige Schüler:innen anzieht und diese dann in den regulären Klassen fehlen.

Geeignete Lehrpersonen. Zweisprachiger Unterricht steht und fällt mit den Personen, die ein Sachfach engagiert und sprachlich versiert unterrichten können. Dazu braucht es nicht unbedingt Muttersprachler:innen, doch nur mittelmässige Sprachkenntnisse in der Zielsprache genügen nicht. Eine geeignete sprachliche und didaktische Aus- und Weiterbildung hilft in vielen Fällen, die bestehenden Kompetenzen zu erweitern.

Wenn sich ein Lehrgang über mehrere Schuljahre erstreckt, dann braucht es eine mittel- bis langfristige Planung, damit ein zweisprachiger Lehrgang nicht unterbrochen werden muss. Wenn neue Lehrpersonen für den zweisprachigen Unterricht angestellt werden, dann sollte auch bedacht werden, dass bisherige Lehrpersonen, die nicht immersiv unterrichten können, ihre Pensen nicht verlieren.

Lehrpläne und Lehrmaterial. Nicht in allen Lehrplänen ist zweisprachiger Unterricht vorgesehen – und nicht in allen Fächern zeigt er dieselben Auswirkungen auf die Unterrichtsinhalte. Ein Fach wie Mathematik wird in anderer Weise versprachlicht als etwa der allgemein bildende Unterricht, wo man gut überlegen sollte, ob dieselben Inhalte unterrichtet werden wie an anderen Schweizer Schulen oder ob Lehrmaterial aus dem englischsprachigen Raum eine Perspektive bietet, die auch für den hiesigen Unterricht passt.

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Lehrmitteln, die sich gut für den zweisprachigen Unterricht eignen oder extra dafür entwickelt worden sind. Dennoch ist bei der Einführung eines neuen Lehrgangs mit einigem Mehraufwand zu rechnen, der nicht unterschätzt werden sollte.

Am Ende eines bilingualen Lehrgangs haben die daran beteiligten Lernenden zwar in der Regel gute bis sehr gute Sprachenkenntnisse, aber «perfekt zweisprachig» sind sie dann nicht.

Realistische Erwartungen. Manchmal werden an zweisprachige Lehrgänge überhöhte Erwartungen geknüpft: Am Ende eines bilingualen Lehrgangs haben die daran beteiligten Lernenden zwar in der Regel gute bis sehr gute Sprachenkenntnisse, aber «perfekt zweisprachig» sind sie dann nicht. Eine Sprache entwickelt sich über die Jahre und um in verschiedenen Kontexten und unterschiedlichen Aktivitäten (schriftlich wie mündlich; rezeptiv, produktiv und interaktiv) firm zu sein, reicht eine schulische Ausbildung in der Regel nicht. Dennoch sind zweisprachige Ausbildungen ein wichtiges Element, um das schulische Sprachenlernen zu ergänzen, indem nämlich die Sprache in verschiedenen Kontexten gebraucht wird – und meistens mit mehr Motivation als in blossen Fremdsprachenlektionen.

Fazit

Zweisprachiger Unterricht ist ein Unterrichtsmodell, das im Aufwind ist: Immer mehr Schulen und (berufliche) Ausbildungen setzen auf ein Modell, bei dem sprachliches und fachliches Lernen miteinander eng verknüpft ist. Dabei stellen sich viele organisatorische, fachliche und didaktische, aber auch staatspolitische Fragen, etwa wenn es um die Wahl der Immersionssprachen geht. Die beiden Genfer Forschungsprojekte sollen dazu beitragen, Grundlagen für eine sachliche Diskussion darüber zu bieten.

Literatur

[1] Immersion und zweisprachige Lehrgänge in der Schweiz: Kritische Literaturübersicht & bibliografische Datenbank. Die Beschreibung des Projekts findet sich im Internet. Die Ergebnisse werden voraussichtlich Mitte 2023 veröffentlicht.

[2] Brohy, Claudine und Jean-Luc Gurtner (2011): Evaluation des bilingualen Unterrichts (bili) an Berufsfachschulen des Kantons Zürich. Schlussbericht. Freiburg: Universität Freiburg.

[3] Vgl. dazu die S. 55-56 im Langbericht (Elmiger, Siegenthaler und Tunger 2022).

[4] Andere Gesichtspunkte finden sich z. B. in:

  • Dale, Liz, Wibo van der Es and Rosie Tanner (2011): CLIL Skills. Haarlem: European Platform – internationalising education: 272 p.
  • Geiger-Jaillet, Anémone, Gérald Schlemminger et Christine Le Pape Racine (2016): Enseigner une discipline dans une autre langue: méthodologie et pratiques professionnelles. Approche CLIL-EMILE. Frankfurt a. M.: Peter Lang Edition (2e édition revue et augumentée)
  • Le Pape Racine, Christine (2000): Immersion – Starthilfe für mehrsprachige Projekte: Einführung in eine Didaktik des Zweitsprachunterrichts. Zürich: Verlag Pestalozzianum
  • Jansen O’Dwyer, Esther (2007): Two for One: Die Sache mit der Sprache. Didaktik des zweisprachigen Sachunterrichts. Bern: hep Verlag
Zitiervorschlag

Daniel Elmiger, 2022: Zweisprachiger Unterricht an Berufsschulen: Neue Forschungsarbeiten und Perspektiven. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (1/2023), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.

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